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Über den Tellerrand: Gone Home

Features

Über den Tellerrand: Gone Home
Vom: 08.09.2013

 

Entwickler: The Fullbright Company

Gone Home beginnt vor einem großen amerikanischen Anwesen in einem dichten Wald. Kaitlin steht erschöpft und müde vor dem neuen Haus ihrer Eltern und der kleinen Schwester. Die Nacht ist über das große Anwesen hereingebrochen und es regnet in Strömen. Doch außer dem Prasseln auf dem Verandadach und dem Donner entfernter Blitze ist nichts zu hören, niemand ist zu Hause. Hat etwa niemand ihre Nachricht auf dem Anrufbeantworter erhalten, dass sie heute zu Besuch kommt? Dabei hatte sie sich doch für diesen Monat angekündigt.
Glücklicherweise weiß Kaitlin, wo ein Ersatzschlüssel versteckt ist und kann so ins Haus. Ein Brief ihrer Schwester Sam verrät, dass sie das Haus verlassen hat und Kaitlin nicht nach ihr suchen soll. Die Eltern sind offensichtlich ebenfalls nicht da.
Mangels Alternativen erkundet Kaitlin Stück für Stück das unbekannte Haus, um herauszufinden, was sich hier in den letzten Monaten abgespielt hat, während sie im Ausland war.


Das verlassene Haus birgt mehrere Geheimnisse



Erkundungen führen zum Ziel

Was sich zunächst nach einem klassischen Aufbau für ein Horror-Adventure anhört, ist tatsächlich eher ein Spiel, das massiv auf die Neugier und den Erkundungstrieb des Menschen setzt. Schocker gibt es nicht, empfindlichere Spieler werden sich bestenfalls ein wenig unwohl in dem großen Haus fühlen. Auch gibt es einige Andeutungen aus dem paranormalen Bereich.
Stück für Stück werden Zimmer untersucht, Dokumente gelesen, schließlich sogar persönliche Dinge durchgesehen, um den Geschehnissen rund um die Familie auf den Grund zu gehen. Dabei hat man als Spieler einen zusätzlichen Nachteil gegenüber der Figur, die man durch das Haus lenkt: Man ist mit der allgemeinen Familienstruktur und den Lebensjahren der Protagonistin Kaitlin nicht vertraut und muss sich all diese Informationen zusätzlich erarbeiten. Je aufmerksamer man die Zimmer durchsucht, je mehr man in Ordnern, Büchern und Dokumenten liest, desto mehr erfährt man auch über die Familiengeschichte und die Gründe, warum das Haus verlassen ist. Neben der Hauptgeschichte, die sich um Sams Verschwinden dreht, sind dabei noch weitere Nebenstränge zu entdecken. Außerdem hat auch das Haus selbst mehr Geheimnisse, als dies am Anfang der Fall zu sein scheint. Wer dabei im Original spielen möchte, benötigt gute bis sehr gute Englischkenntnisse. Inzwischen gibt es aber auch eine deutsche Übersetzung. Diese wurde von einem Fan angefertigt, wir haben sie nicht getestet.


Wer die Umgebung genau erkundet, erfährt
mehr über die Vergangenheit der Familie



Einmal quer durch das Haus

Gone Home wird aus der Ich-Perspektive erzählt, gesteuert wird über die WASD-Tastenkombination. Zusätzlich kann der Spieler in die Knie gehen, um versteckte Objekte zu finden. Abgesehen vom Auffinden diverser Schlüssel und der Kombination für zwei verschlossene Schränke gibt es keine Rätsel. Der Fokus liegt wie bereits erwähnt auf dem Erkunden des Hauses und dem Lesen und Hören von Dokumenten. Besonders aufschlussreich ist dabei das Tagebuch der Schwester, das im Laufe der Hausdurchsuchung immer weiter anwächst und bei jedem neuen Eintrag von einer sehr guten Sprecherin vorgetragen wird. An fast jeder Stelle des Hauses ist es möglich, Gegenstände aufzunehmen, mit der rechten Maustaste näher zu betrachten und anschließend wieder aufzuräumen oder achtlos wegzuschmeißen.


Nahezu alle Objekte im Spiel lassen sich
aufnehmen und näher inspizieren

 



Schönes Arrangement

Die Geräusche sind sehr gut gesetzt, ebenso wie die spärliche, aber passend eingesetzte Hintergrundmusik. Die Grafik ist realistisch genug, sodass man tief in die Umgebung eintauchen kann, allerdings insgesamt etwas zu steril und kantig. Immerhin wartet sie mit vielen Details auf, denn jeder Raum ist begehbar und mit zahlreichen Gegenständen und Möbeln ausgestattet. Lichteffekte und Lichtquellen gehen in Ordnung, extrem realistisch sind sie jedoch nicht. Zusammenfassend trägt die Grafik die Story so weit, dass man das Spiel genießen kann, ohne sich an den kleineren Logikfehlern (Kassettenrekorder klingen wie hochwertige Anlagen, Gläser zerbrechen nicht, egal wo man sie hinwirft) zu stören.


Das Tagebuch der Schwester gibt Aufschluss
über die jüngsten Ereignisse



Gute Erzählkunst

Über die eigentliche Hintergrundgeschichte sollte nicht zu viel verraten werden, da ihre Entdeckung ja der eigentliche Zweck des Spiels ist. Fasst man sie ganz allgemein zusammen, liegen Gone Home das schwierige Heranwachsen der jüngeren Tochter und die Probleme der Eltern im aktuellen Lebensabschnitt zu Grunde. Auch wird das Gefühl thematisiert, als Familienmitglied plötzlich den Anschluss zu verlieren und an wichtigen Ereignissen und Entwicklungen nicht mehr teilzuhaben. Das neue, unbekannte Haus unterstreicht dies gekonnt. Auch wenn die Rahmenhandlung letztlich nicht besonders umfangreich ist und die Auflösung längst nicht so spektakulär verläuft, wie es manche Funde im Haus andeuten könnten, ist die Geschichte hinter Gone Home handwerklich solide, gut aufgebaut und interessant präsentiert.


Ein Inventar gibt es zwar, direkt
interagieren muss man damit allerdings nicht



Fazit

Zum Spielen von Gone Home benötigt man vor allem eines: Ruhe. Nichts geschieht abrupt oder plötzlich, man bewegt sich stets allein durch das Haus und versucht, ihm seine Geheimnisse zu entlocken und zu verstehen, was sich in den letzten Monaten dort ereignet hat. Wer sich auf die Geschichte einlässt, in sie eintaucht, Hinweise sucht und langsam zu einem Bild zusammenfügt, wird seine helle Freude an dem Titel haben. Klassische Adventurespieler werden hingegen wegen der fehlenden Rätsel und dem Fokus auf dem Erkunden der Umgebung höchstwahrscheinlich abwinken. Und auch wer eine philosophisch hochtrabende Geschichte mit packenden Wendungen erwartet, wird nur teilweise belohnt. Gone Home erzählt langsam, einfühlsam und detailreich die Geschichte einer amerikanischen Familie. Dabei heraus kommt ein schönes Spielerlebnis, wenn man sich darauf einlässt.

Hans Duschl

 

Kommentar

Für mich war Gone Home eine außergewöhnlich intensive Spielerfahrung. Bereits nach wenigen Minuten war ich in die Tiefen dieses leerstehenden und doch so gar nicht leblosen Hauses eingetaucht. Drei Stunden lang stöberte ich durch Dokumente, hörte Kassetten mit Girlie-Garagen-Rock und ergründete die Vergangenheit und Gegenwart einer typisch amerikanischen Familie mitsamt all ihren Problemen, Sorgen und Nöten. Obwohl die Spielzeit etwas kurz angesetzt ist und Rätsel praktisch komplett fehlen, schmälerte dies nicht das Spielerlebnis. Im Gegenteil, durch die kleinen Einlagen wie etwa das Suchen eines Codes für einen Schrank wurde ich sogar eher im Spielfluss gestört. Ich wünsche mir mehr Spiele dieser Art.

Michael "neon" Stein

 

Adventure-Treff-Wertung: 82%

Links:

Gone Home im Humble Store kaufen
Gone Home auf Steam kaufen
Offizielle Webseite