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The Walking Dead Season 1

Features

The Walking Dead Season 1
Vom: 07.05.2012

Episode 1: A New Day



Nachdem sich Telltale Games mit Back to the Future und Jurassic Park an Filmlizenzen mit unterschiedlichem Erfolg versucht haben, wagen sie sich nun mit The Walking Dead an die gleichnamige, seit 2003 veröffentlichte Comicbuch-Serie von Robert Kirkman.
Ob die Episoden-Reihe der Vorlage in düsterer und vor allem blutiger Inszenierung gerecht wird und ob sie spielerisch für Freunde interaktiven Storytellings interessant ist, erfahrt ihr in unserem Feature.

Ein neuer Anfang oder der Anfang vom Ende?

Lee Everett, ehemaliger Professor und nun verurteilter Mörder, erlangt wegen des Unfalls eines Polizeiautos, auf dessen Rückbank er sitzt, unverhofft die Freiheit. Doch die Welt, die er einst kannte, ist durch umherwandelnde Untote unversehens ins Chaos gestürzt worden. Als er dann noch auf die kleine Clementine trifft, die bisher vergeblich auf die Rückkehr ihrer Eltern gewartet hat, macht er sich mit ihr auf die Suche nach einem sicheren Zufluchtsort.
Die Geschichte läuft parallel zu den Ereignissen der Comicbücher, benötigt aber keinerlei Vorkenntnisse, auch wenn es schon in der ersten Episode einen bekannten Ort und Gastauftritte von Charakteren gibt. Besonders komplex wird die Handlung nicht, vielmehr geht es um die zwischenmenschlichen Beziehungen der Charaktere untereinander, was schon die Serie auszeichnete.

Unwiderrufliche Entscheidungen

Wieviel der Spieler über die anderen Figuren erfahren will und wie sie zu ihm stehen, liegt ganz an dessen Entscheidungen und Verhalten. Denn ähnlich wie in Quantic Dreams' Heavy Rain bleibt nur ein begrenzter Zeitrahmen beim Beantworten von Fragen; Dialogbäume bilden die Ausnahme. Obwohl die Handlung und das Episodenende selbst weitgehend gleich bleiben, formt der Spieler seine eigene Version von Lee, entweder als schlichtende, provozierende oder als stillschweigende Persönlichkeit.
Aber nicht nur die Hauptfigur, sondern auch die Figurenkonstellationen können teilweise beeinflusst werden, was sich nicht nur in der Gesamtstimmung der Gruppe Lee gegebenüber bemerkbar macht, sondern auch weitaus folgenschwerere Konsequenzen haben kann, wenn es um Leben und Tod geht.
Da es nur eine Autosave-Funktion gibt, können Aktionen nicht rückgängig gemacht werden. Inwieweit sich das Ausscheiden von bestimmten Figuren auf den handlungsübergreifenden Spannungsbogen auswirkt, wird sich mit den nächsten Episoden zeigen. Allerdings merken sich die übrigen Charaktere schon in A New Day, was der Spieler getan oder gesagt hat, sind dem Spieler also eher negativ oder positiv gesinnt. Optional kann auch eine Funktion eingeschaltet werden, die bei gewählten Antwortmöglichkeiten und Aktionen einen Hinweis auf die spätere Haltung oder Reaktion der Nichtspielercharaktere gibt. Am Ende der Folge gibt es sogar noch einmal einen Überblick über die Entscheidungen des Spielers und wie andere diese getroffen haben.


Überall lauern Untote. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Minderjährige oder zartbesaitete Gemüter müssen oder sollten besser draußen bleiben

QTEs (Quick-Time-Events) gibt es neben einer recht einfachen Schleichpassage recht häufig, allerdings beschränken sich diese auf das längere Drücken einer Taste. Vielmehr kommt das Zielen mit der Maus und das rechtzeitige Drücken der Maustaste zum Zuge.
Die Actionszenen dürften aber selbst für ungeübte Spieler recht schnell zu meistern sein, da das Zeitfenster doch recht groß ist. Weitaus eher könnten zartbesaitete Naturen ihre Probleme bekommen, wenn es beispielsweise darum geht, einem Zombie mehrmals eine Axt in den Hals zu schlagen oder auch mit dem Hammer den Kopf eines anderen zu malträtieren. Was sich etwas gewaltverherrlichend liest und in Deutschland vielleicht auch bei der eventuellen Veröffentlichung von The Walking Dead im Einzelhandel für Probleme sorgen könnte, ist jedoch in der Praxis genau das, was das Comic neben den gut geschriebenen Charakteren ausmacht: ein kompromissloser Härtegrad, der dem Zombie-Thema abseits von Shootern erstmals in einem Adventure gerecht wird.

Zombies lösen keine Rätsel, Überlebende haben eh keine Zeit fürs Kombinieren

Klassische Kombinationsrätsel finden sich zwar nicht, trotzdem gilt es immer kleine Aufgaben und Probleme zu bewältigen, deren Lösung durch das Aufsammeln und Benutzen von Gegenständen erlangt wird. Schwer wird dies nie, aber das wäre im Falle der ständigen Bedrohung durch die Zombies und den Spannungen zwischen den Figuren auch eher hinderlich für das Voranschreiten der Handlung.
Es gibt zwar einige zeitkritische Passagen, in denen die Spielfigur sterben kann, allerdings sind diese mit etwas Kalkül leicht zu meistern, ohne dass ein flinker Zeigefinger gefragt ist. Insgesamt ist das Gamedesign so angelegt, dass der Spieler gar nicht erst zu dem bei Adventures als letzter Ausweg bekannten Trial-and-Error-Verfahren übergehen muss. So ist das Spiel auch locker für Gelegenheitsspieler zu schaffen.


Und hier soll es sicher sein? (Mehr Bilder in der Galerie.)

Kein schöner Ort und doch stimmig

Grafisch präsentiert sich The Walking Dead in einer ungewöhnlichen Cel-Shading-Optik, ohne überzeichnete Figuren darzustellen. Denn diese zeigen eine zur jeweiligen Situation passende Mimik und wirken wie die nett gezeichneten Hintergrunde wie aus einem Guss. Selbst die in den Spielen von Telltale oft problematischen, kleinen Areale passen hier zur düsteren, klaustrophobischen Grundstimmung. Zusammen mit diversen Kameraeinstellungen bei den Dialogen entsteht so eine weitaus filmischere Präsentation als es beispielsweise Back To The Future mit doch recht langen Dialogszenen und wenig belebten Straßen getan hat.

Geredet wird nur soviel, wie die Zeit und Zombies es erlauben

Die professionellen (englischen) Dialoge sind sehr gut geschrieben, verirren sich nie in überladene, langatmige oder belanglose Gespräche. Dabei verhelfen sie den Charakteren selbst in kurzer Zeit zu einer Tiefe und verstärken die emotionale Bindung beim Spieler, ohne direkt mit langen Monologen die Holzhammermethode zu benutzen.
Selbst Kraftausdrücke werden nicht übertrieben oft, sondern immer passend zur Situation genutzt. Des Öfteren treten auch Pausen während der Dialogpassagen auf, die unbehagliches Schweigen erzeugen und die Dramatik steigern.
Zur angespannten Atmosphäre, sogar in den Gesprächen, trägt auch die Musikuntermalung bei. Melancholische Westerngitarren-Klänge, langgezogene Synthesizer-Töne mit drohendem Bass oder auch einfach nur die Hintergrundgeräusche wie zirpende Grillen oder aus weiter Ferne kommende Schüsse in klaustrophobischen Szenen fügen sich ins Gesamtbild sehr gut ein.


Wer ist vertrauenswürdig? (Mehr Bilder in der Galerie.)

Nicht so schwer wie einen Zombie zu steuern

Die Steuerung ist selbst auf dem PC gut umgesetzt. Gab es in anderen Telltale-Spielen noch die etwas unglückliche Kombination mit gedrückter Maustaste und den Pfeiltasten, wird hier einfach die gängige WASD-Tastenbelegung zum Bewegen und die Maus zum Anwählen der Objekte und Charaktere benutzt. Bei letzteren klappt je nach Interaktion ein kleines Menü auf, das entweder durch Pfeiltasten, numerische Tasten oder dem Mausrad gesteuert wird. Inventargegenstände werden ebenso angewendet.
Laufen ist übrigens nicht durch eine bestimmte Taste auslösbar: die Geschwindigkeit, mit der sich die Spielfigur bewegt, ist nämlich situationsabhängig. Was anfangs etwas gewöhnungsbedürftig ist, erweist sich jedoch später als eingängig. Etwas nervig ist, dass Dialoge nicht abgebrochen werden können und man so zum Beispiel beim mehrmaligen Anklicken eines Hotspots jedes Mal warten muss, bis der Protagonist die immer gleiche Aussage beendet hat.
Eine Hotspotanzeige-Option gibt es natürlich auch, und ohne den Forscherdrang eines Adventure-Spielers in Frage zu stellen, bietet es sich an, diese auch zu benutzen. Denn häufig kommt es vor, dass einige Aktionspunkte wie auch Charaktere nur an einer bestimmten Stelle anwählbar sind. Einige wenige Gegenstände heben sich auch kaum vom Hintergrund ab, sodass Frust und sinnlosem Herumsuchen vorgebeugt werden kann.

Rundum gelungen oder auch mit Ecken und Kanten?

Ganz fehlerfrei ist die erste Episode zum Release zwar nicht, aber im Gegensatz zu einigen Grafikfehlern oder auch plot-stoppenden Situationen in anderen Telltale-Spielen halten sich die Unstimmigkeiten in Grenzen. So gibt es im Optionsmenü zur Steuerung nur den Hinweis auf die Tastenbelegung des Xbox 360-Controllers, obwohl es sich um die PC-Fassung handelt.

Info

 

XBox 360

Der größte Unterschied der XBox-Version liegt darin, dass die Steuerung in jedem Fall per Gamepad erfolgt. Dies erleichtert zwar die Auswahl von Interaktionsmöglichkeiten und die Handhabung von Quick-Time-Events, die Steuerung von Lee und der Blickrichtung mit Hilfe der beiden Analogsticks ist jedoch etwas gewöhnungsbedürftig. Auch die Probleme mit der Technik setzen sich fort: Pixelige Schatten, unpassende Gehanimationen am Rande des begehbaren Bereichs sowie ein nicht reproduzierbares Einfrieren der Konsole sind unerfreulich und bei anderen Konsolentiteln nur selten zu finden. Das Bild war in der Voreinstellung zu dunkel, so dass zusammen mit der eher dunklen Einstellung des Test-Fernsehers viele optische Details verloren gingen. Da uns dies erst bei ein paar Nahaufnahmen im späteren Spielverlauf auffiel, empfehlen wir, am Anfang des Spiels ein wenig mit den Einstellungen zu spielen. Wer generell lieber an der Konsole spielt, kann aber dennoch bedenkenlos zu dieser Version greifen – der Spielspaß wird am Ende nämlich nicht merklich verringert.
Nachtrag: Die ebenfalls vorhandene PS3-Version konnten wir mangels Testexemplar noch nicht unter die Lupe nehmen.

Fazit

Telltale Games hat mit der ersten Episode von The Walking Dead den Grundstein für ein außergewöhnlich ambitioniertes Lizenzprodukt gelegt. Atmosphärisch nahe an der Comicbuchvorlage, bietet A New Day spielerisch wenig Leerlauf und überzeugt durch die anspruchsvoll geschriebenen Dialoge schon für sich allein.
Unterschiedliche Handlungszweige und moralische Entscheidungen laden zum wiederholten Durchspielen ein und werden sich hoffentlich bei den späteren Episoden weiter fortsetzen ohne das Gesamtbild zu stören.

Kommentare

„Nachdem mich Telltale Games' erste Filmlizenz Back To The Future zwar gut unterhalten, aber aufgrund des Gameplays doch einen etwas faden Beigeschmack hinterlassen hatte, was mit dem Zeitreisethema noch möglich wäre, hatte ich bei The Walking Dead nicht unbedingt damit gerechnet, dass den Entwicklern der Sprung von überzeichnetem Comic-Humor zu realistischem Zombie-Survival-Drama gelingt. Aber sowohl grafisch, soundtechnisch als auch inhaltlich hat mich die erste Episode auf ganzer Linie überzeugt, dass es auch ohne Riesenbudget wie bei Heavy Rain möglich ist, berührende Charaktergeschichten und brachiale Gewaltszenen zu vereinen und den Spieler vor moralische Entscheidungen zu stellen und ihn Teil dieser Welt werden zu lassen.“

Sascha 'nufafitc' Pongratz

„Ich kenne weder die Comicvorlage, noch habe ich mich bisher für Zombie-Geschichten interessiert. The Walking Dead: Episode 1 hat mich mit einer spannend erzählten Geschichte und Charakteren, die mein Interesse wecken konnten, überzeugt. Die Entscheidungen, die man zu treffen hat, sind gut in das Spielerlebnis integriert und können Lees Situation vermitteln. Ich bin wirklich gespannt darauf, wie es weitergeht und ob Telltale es schafft, mich davon zu überzeugen, dass meine gewählten Handlungen wichtig waren. Davon und von der Kreativität der in Zukunft zu fällenden Entscheidungen – ich will nicht, dass die Wahl von zu rettenden Weggefährten das Hauptthema bleibt – hängt ab, ob mich die gesamte Staffel begeistern wird.“

Simon Tschirner

„Obwohl The Walking Dead für mich aufgrund des bisher gesehenen Materials im Vorfeld eher uninteressant war, habe ich mir einen Ruck gegeben und mir Telltales neuestes Werk angesehen. Zum Glück, denn ich hatte mit der ersten Episode richtig Spaß. Das Spielkonzept ist etwas ungewohnt und die ersten Minuten fühlten sich sehr fremd an, aber nachdem ich ins Spiel gefunden hatte, konnte ich nicht mehr loslassen. Nicht einmal die kurzen Action- bzw. Quick-Time-Event-Szenen stellten ein wirkliches Problem dar, obwohl Action-Spiele eigentlich gar nicht mein Metier sind. Das Spiel setzt auch weniger darauf, den Puls des Spielers permanent auf einem gewissen Level zu halten. Vielmehr baut es auf Dialoge, vereinzelte kleinere Rätsel und natürlich auf seine rundum gelungene Atmosphäre und schafft es damit, einen gelungenen Mittelweg zwischen Adrenalin-Schub und Story-Entwicklung zu gehen. Ob die im Laufe des Spiels getroffenen Entscheidungen wirklich nachhaltigen Einfluss auf den Fortgang der Geschichte haben werden, wird sich noch zeigen. So wichtig ist mir das aber eigentlich auch nicht. Ehrlich gesagt will ich einfach nur wissen, wie es weitergeht.“

Michael Stein

„The Walking Dead hat mich schon in der TV-Serienfassung fasziniert, die geschickt mit der Thematik umgeht, was passiert, wenn plötzlich keine gesellschaftlichen Regeln mehr zu gelten scheinen und es letztlich nur noch um das das eigene Überleben, aber auch das der Gruppe und letztlich der Menschheit geht. Schon in den ersten Minuten des Spiels wird klar, dass Telltale es geschafft hat, die Atmosphäre der Vorlagen einzufangen und geschickt mit dem Gameplay zu verweben. Sicher sind einige technische Faktoren wie Mimik und Gestik der Spielcharaktere nicht perfekt, Details wie das Soundambiente aber umso mehr, dafür glänzt The Walking Dead mit der Einbindung des Spielers in das Geschehen nach dem Ausbruch der Epidemie, indem es ihm das Gefühl vermittelt, seine Entscheidungen hätten Auswirkungen auf den Spielverlauf. Das ist denkbar und in der ersten Episode auch schon ein wenig der Fall, muss aber in der restlichen Staffel noch bewiesen werden. Die Illusion reicht aber erst mal aus, um einen hohen Unterhaltungswert zu schaffen und die packende Inszenierung trägt ihren Teil zum tollen Spielerlebnis bei. Für mich ist klar: Würde es auch klassisch angehauchte Adventures geben, die in Sachen Spielmechanik und Atmosphäre umgesetzt wären wie The Walking Dead (plus anspruchsvollere Rätsel und größere Areale), wäre das Genre auch international wieder erfolgreicher. Ich kann es kaum erwarten, die nächste Episode zu spielen.“

Hans Frank

Episode 1: A New Day

Gesamtwertung: 8/10

Episode 2: Starved for Help



Mit etwas Verspätung, die laut Telltale durch Qualitätssicherung zustande kam, erscheint die zweite Episode von The Walking Dead erst zwei Monate nach A New Day für Xbox 360, PS3 und PC. Ob Starved for Help dieselbe düstere Atmosphäre und ungewohnte Entscheidungsfreiheit beibehalten hat, erfahrt ihr in unserem Test.

Das Überleben geht weiter

Die Überlebenden der ersten Episode sind zwar für kurze Zeit in einem Motel zur Ruhe gekommen, sie müssen aber schnell feststellen, dass die Nahrungsvorräte zur Neige gehen. Doch bald treffen sie auf eine Farmer-Familie, die in der Nähe eine sichere und vor allem längerfristige Bleibe anbietet. Aber der Schein von Geborgenheit trügt, da die Gruppe um Lee Everett feststellen muss, dass Zombies nicht die einzige Bedrohung in der neuen Welt sind. Wie in der ersten Episode schafft es Telltale, die Balance zwischen brutalem Überlebenskampf gegen Zombies und dieses Mal auch menschliche Widersacher und ruhigen Momenten, in denen näher auf die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander eingegangen wird, zu halten, wobei es in Starved For Help um einiges blutiger zur Sache geht. Spielern mit schwachem Magen dürften einige Szenen ein mehr als ungutes Gefühl bereiten. Gewaltszenen gibt es häufig, welche an die Grenzen einer Altersfreigabe ab 18 in Computerspielen gehen. Lag in der ersten Episode das Hauptaugenmerk noch bei der Einführung der Charaktere und der postapokalyptischen Welt, nimmt sich Telltale hier mehr Zeit, eine spannende Handlung zu erzählen, die zwar nach ungefähr drei Stunden zum Ende hin in für Horrorfans nicht unbekanntes Terrain abdriftet, aber für Nervenkitzel sorgt und einige schockierende Szenen bietet.


Entscheidungen, die durch Mark und Bein gehen, müssen getroffen werden. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Entscheid schnell oder stirb langsam

Die Stimmung ist bedrückend, was vor allem durch die oft eskalierenden verbalen Auseinandersetzungen in der Gruppe verstärkt wird. Misstrauen breitet sich aus und es liegt am Spieler, Position zu beziehen. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht, vielmehr sind es moralische Entscheidungen, die unter Zeitdruck getroffen werden müssen. Selbst der Versuch, unparteiisch zu sein, bleibt in der Gruppe nicht unbeachtet. Die Charaktere merken sich auch noch so kleine Bemerkungen und sprechen Everett später darauf an. Dies verleiht The Walking Dead wieder einmal etwas an Lebendigkeit, was bei vielen klassischen Adventures durch das automatische Abarbeiten von Dialogbäumen nicht unbedingt gegeben ist. Am größeren Handlungsbogen hat sich durch die Entscheidungen in der ersten Episode zwar auf den ersten Blick nicht viel geändert, allerdings spielen sich einige Dialogszenen doch unterschiedlich ab und verraten mehr über die einzelnen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander. Aber auch Actionszenen fallen auf Basis der getroffenen Entscheidungen unterschiedlich aus. Es wird interessant, ob sich diese Verästelung der Handlungsstränge in den kommenden Episoden noch stärker auswirkt.

Rätseltechnisches Leichtgewicht

Klassische Rätsel findet der Spieler in der zweiten Episode sogar noch weniger als in der vorherigen. Da die Areale sehr begrenzt sind und das Wechseln zwischenen mehreren Schauplatzen nicht möglich ist, wird das Gameplay linearer, so dass die Bezeichnung "interaktiver Film" mehr denn je zutrifft. Die Lösungen zu einigen wenigen Problemen, die abseits von Dialogen und Action-Szenen auftreten, sind selbst für Adventurelaien offensichtlich, da Interaktionspunkte rar sind und das Inventar höchstens einmal einzelne Gegenstände beinhaltet. Klassische Adventurespieler dürften aufgrund des fehlenden Anspruchs vielleicht die Nase rümpfen, allerdings sollte klar sein, dass die Prioritäten in Telltales Lizenzprodukt anders gelagert sind, nämlich im Storytelling und der Inszenierung.


Rätsel sind rar gesät und schnell gelöst. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Spannende Stimmung

Technisch erweist sich die Episode im Sounddesign als hervorragend umgesetzt. Nicht nur sehr gute Sprecher, sondern auch eine Geräuschkulisse, die die Dramaturgie der Geschichte unterstützt, sorgen für eine filmreife Inszenierung. Wenn anfangs noch das Rauschen von Blättern auf der Farm für eine idyllische Atmosphäre sorgt, dürften spätestens bei Regen und Sturm schnelleres Herzklopfen und Anspannung eintreten. Nicht zuletzt die Musik, die sich an die jeweiligen Situationen, auch während Gesprächen, anpasst, verleiht den Ereignissen mehr Dramatik und lässt den Spieler mitfühlen und mitfiebern. Grafisch hätte es vielleicht ein paar mehr Details in den Außenarealen geben können, die die Natur belebter erscheinen lassen, aber die Cel-shading-Optik erweist sich trotzdem wieder einmal als Garant für gemäldeartige Szenen, die wie aus einem Comic wirken. Weniger gelungen sind die gerade in häufigen Schleichszenen in den Vordergrund rückenden Charakteranimationen, die doch etwas steif und ruckartig ablaufen. Laufen ist übrigens immer noch nicht möglich, was zwar durch die kleinen Schauplätze nicht allzustark ins Gewicht fällt, aber zusammen mit teilweise ungünstigen Kamerapositionen das Bewegen der Spielfigur ab und zu erschwert.

Fortsetzung folgt mit Erfolg

Starved For Help ist ein weiterer Beweis dafür, dass es Telltale gelungen ist, einen erwachsenen Titel mit viel mehr Spannung, Dramatik und Atmosphäre zu schaffen. Das hat aber auch weniger Spielraum durch die stringente Inszenierung der Geschichte und den fast vollkommenen Verzicht auf Rätsel zur Folge. Die Entscheidungen der ersten Episode haben zwar momentan noch wenig Auswirkung auf den allgemeinen Handlungsbogen, aber was sich während der Story bei den Figurenkonstellationen zeigt, lässt ein weitaus größeres Gesamtwerk erwarten, dessen Fortsetzung hoffentlich nicht wieder zwei Monate dauern wird.


Auch diesmal lauern wieder unzählige Untote auf frisches Fleisch. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Kommentare

"Obwohl sich Telltale mit der zweiten Episode immer mehr von klassischer Rätselkost entfernt und weniger Spielraum zum Erkunden und Ausprobieren lässt, wird hier so einiges mehr an Storytelling geboten als es viele erwachsene Adventures in den letzten Jahren versucht haben. Die in dieser Folge blutigere Inszenierung ist etwas, das ich in dieser Form in wenigen Spielen so schockierend empfunden habe und der Comic-Serie damit mehr als gerecht wird. Dazu kommen noch Charaktere mit Ecken und Kanten, Entscheidungen, die unter die Haut gehen, eine dichtere Atmosphäre und spannendere Handlung. Selbst das wiederholte Durchspielen ist hier schon Pflicht, um die verschiedenen Reaktionen und Aktionen der Figuren zu erleben."

Sascha 'nufafitc' Pongratz

"Auch die zweite Episode von 'The Walking Dead' hat es geschafft, mich ohne Unterbrechung an den Rechner zu fesseln. Die Atmosphäre ist weiterhin sehr dicht, auch wenn es zwischendurch ein paar Längen gibt. Vermisst habe ich ein paar mehr Rätseleinlagen, dafür hätte ich mir weniger Dialog gewünscht. Das ist aber nur Finetuning und liegt sicher im Auge des Betrachters. Unterm Strich macht auch Episode 2 wieder vieles sehr gut und weniges nicht wirklich schlecht. Ich bin gespannt, wie es weitergeht. Was ich allerdings an The Walking Dead wirklich zu kritisieren habe, ist das Episodenkonzept. Dieses Spiel funktioniert am Stück mit Sicherheit noch viel besser. Aus diesem Grund habe ich mit dem Spielen der zweiten Episode bis kurz vor Erscheinen der dritten gewartet und werde das mit den letzten beiden Episoden wahrscheinlich wieder so machen."

Michael Stein

"In meinen Augen macht Telltale auch mit der zweiten Episode von The Walking Dead vieles richtig. Allem voran mit der spannend inszenierten Geschichte, die ähnlich wie einige Folgen der Fernsehserie ein starkes Bedürfnis nach mehr schürt. Ich habe mich an einigen Stellen so gut in das Spielgeschehen involviert gefühlt wie selten zuvor. Ich finde es allerdings schade, dass nicht mehr Rätsel in die Spielwelt eingebaut werden, obwohl viel entsprechendes Potenzial vorhanden ist. Ich bin mir sicher, dass dies auch möglich wäre, ohne den Spielfluss zu stören. Außerdem wird Telltale spätestens in der dritten Episode beweisen müssen, dass die vom Spieler getroffenen Entscheidungen auch tatsächlich Auswirkungen auf den Verlauf des Spiels haben, und nicht nur minimalen Einfluss auf die Beziehung zwischen den Charakteren - dafür warte ich dann auch gerne wieder zwei Monate auf den nächsten Teil, wünsche mir aber eine bessere Kommunikation von Verschiebungen mit den Spielern und der Presse."

Hans Frank

Episode 2: Starved for Help

Gesamtwertung: 8/10

Episode 3: Long Road Ahead



Was lange währt, wird endlich gut? Wenn es nach Telltale Games und ihrer Veröffentlichungspolitik mit The Walking Dead ginge, dürfte die jüngste Episode Long Road Ahead nach langer Wartezeit ein weiteres Glanzstück der Zombie-Serie darstellen. Wie sich das Endprodukt spielt, erfahrt ihr in unserem Test.

Getrübte Ruhe inmitten der Apokalypse

Unruhe und Misstrauen machen sich im Motel unter den Überlebenden der Zombie-Attacke breit. Die mühsam durch gefährliche Plünderungsaktionen der umliegenden Geschäfte beschafften Lebensmittel und Medikamente scheinen von jemandem aus der Gruppe gestohlen zu werden. Auch auf Angriffe von Banditen ist das improvisierte Fort nicht immer vorbereitet. So muss alsbald eine neue Bleibe gefunden werden, doch der Weg in die Großstadt birgt wieder neue Gefahren.

Weniger Blut, dafür umso mehr Depressionen

Im Gegensatz zu vorherigen Episoden gibt es eine recht große Anzahl von Schauplätzen, die aber auch weiterhin nicht frei wählbar sind, sondern im Verlauf der Geschichte hintereinander besucht werden. Das sorgt zum einen für mehr Tempo bei der Erzählung, lässt dem Spieler aber zuweilen nicht viel Zeit, ein Gefühl für neue Charaktere und die Spielwelt zu bekommen. Der Spannungsaufbau hält sich auch etwas in Grenzen, dafür gibt es viele berührende Momente zwischen den Hauptfiguren, die von der Stimmung perfekt zum Endzeitszenario passen. Gewaltszenen, in denen sich Lee gegen Zombies wehrt, sind zwar ebenfalls vorhanden, allerdings stehen diesmal ganz klar die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Dynamik in der Gruppe im Vordergrund.

Entscheidungen, die den Weg bereiten oder sich verzweigen

Entscheidungen dürfen oft getroffen werden, allerdings halten sich die Alternativwege bis auf eine Ausnahme doch in Grenzen. So kann sich Lee beispielsweise dafür entschließen, eine von Zombies gebissene Frau mit einem Scharfschützengewehr von ihrem Leiden zu erlösen oder nicht. Tut er dies, hat er später weniger Zeit, Vorräte in einem Geschäft einzusammeln. Überlässt er die Frau ihrem Schicksal, darf mehr geplündert werden. Auswirkungen auf den späteren Spielverlauf hat dies aber nicht. Insgesamt enttäuscht die Handlungsfreiheit etwas und selbst bei schweren moralischen Entscheidungen ändert sich nicht viel in der Gesamtstory.

Ein flinker Finger am Abzug

Spielerisch bietet die neue Episode mehr Abwechslung als ihre Vorgänger. Quicktime-Events, in denen Zombies abgewehrt werden, gibt es weniger, dafür aber einige Schusswechsel, bei denen in der Ich-Perspektive mit einem Scharfschützengewehr Feinde erledigt werden müssen. Viel Präzision oder Reaktionsschnelligkeit sind aber nicht unbedingt erforderlich, da sowohl Schussradius als auch Zeit breit genug gefächert sind.

Und es hat doch Rätsel wie ein Adventure

Was Freunde klassischer Adventurekost freuen dürfte, ist, dass nun mehr Gegenstände gesammelt und kleinere Aufgaben gelöst werden, darunter auch ein nicht allzu schweres Schalterrätsel. Insgesamt werden diese Rätsel gut in den Spielverlauf eingebunden, obwohl sie natürlich weit entfernt von früheren Telltale-Spielen sind. Erkundungen der Umgebung sind nun mit größerem Aktionsradius ein wenig anspruchsvoller, allerdings kommt es auch hier vor, dass die Spielfigur öfter an eine unsichtbare Barriere tritt und einen anderen Weg einschlagen muss. Pixelsuche bei schwer erkennbaren Gegenständen ist dieses Mal zum Glück nicht nötig und die Lösungen der Probleme sind immer nachvollziehbar, auch wenn dazu etwas Laufarbeit vonnöten ist, was durch die nicht vorhandene Lauftaste dann wieder in ein etwas behäbiges Gehen mit Spielzeitstreckung ausartet.

Altbewährte Technik, trotzdem gut

Grafisch hat sich nicht viel getan. Die Hintergründe sind aufgrund der unterschiedlichen Handlungsorte etwas abwechslungsreicher, die Spielfiguren drücken trotz abgehakt erscheinender Körperbewegungen und abrupter Gesichtsmimik genügend Emotionen aus, ohne den dramatischen Szenen im Weg zu stehen. Ein besonderes Lob hat wieder einmal der Soundtrack verdient, da hier gekonnt zwischen leisen Tönen in melancholischen oder Stille nach schockierenden Augenblicken der Geschichte gewechselt wird. Die Sprachausgabe ist wie die Leistung der Drehbuchautoren auf konstant hohem Niveau.

Halbzeit und halb gar oder gar nicht fertig?

Mit Long Road Ahead zeigen Telltale wieder einmal, dass sie es verstehen, den Spieler in ein Wechselbad der Gefühle zu bringen wie nur wenige Entwickler von ernsthaften Adventures es schaffen. Die Integration von mehr Rätseln ist zu begrüßen, allerdings leidet diesmal die Handlungsfreiheit, da nur wenige Entscheidungen wirklich Auswirkungen auf spätere Spielszenen haben. Dramatik und Action sind wohl dosiert eingesetzt, allerdings hätte die Episode einen Tick spannender ausfallen können.

Kommentare

"Obwohl ich The Walking Dead zum besten Adventure seit langem zähle und in dieser Episode wieder einmal unter Beweis gestellt wird, wie bewegend die Einzelschicksale der Figuren sind und vor allem wie lebensecht diese vermittelt werden, bin ich doch ein wenig enttäuscht über die Konsequenzen, die meine Aktionen bisher hatten. Die eingestreuten Rätsel sind zwar ganz nett (auch wenn ich immer noch nicht darüber hinwegkomme, dass mir drei Schraubschlüssel zum Einsammeln zur Verfügung gestellt werden und dies für die Rätsellösung vollkommen egal ist), aber insgesamt empfand ich Long Road Ahead bis auf einige schockierende Szenen vom Handlungsablauf doch ein wenig fade im Vergleich zu den anderen Episoden."

Sascha 'nufafitc' Pongratz

"Mit der dritten Episode von The Walking Dead packt Telltale eine deutlich größere Emotions-Keule aus als noch in den Vorgängern. Die Entscheidungen werden mehr und mehr unangenehm, umso enttäuschter bin ich jedoch von den kaum spürbaren Folgen. Dennoch bleibt die Serie spannend und erzählt ihre Geschichte konsequent weiter. Für mich hätte es die bisher beste Folge sein können, wenn einige Passagen den Spielfluss nicht unnötig gebremst hätten. Zudem hatte ich zum ersten mal ein ernsthaftes Problem, einen der Quick-Time-Events zu schaffen. Dennoch: The Walking Dead ist weiterhin auf dem richtigen Weg."

Michael Stein

"Auch ich habe die dritte Episode des Spiels wieder mit Begeisterung gespielt. Ich kann mich an kaum ein anderes Spiel erinnern, das mich emotional derart in den Bann gezogen hat. Das geht an manchen Stellen der Geschichte so weit, dass ich mir sogar noch am Morgen nach dem Spielen Gedanken über Entscheidungen mache, die ich am Vorabend in The Walking Dead getroffen habe. Und auch sonst macht Telltale vieles richtig. Die Schauplätze der Episode finde ich spannend und es haben auch wieder mehr Rätsel in der Handlung Platz gefunden. Und so habe ich schon jetzt bei gut der Hälfte der Staffel und dank der auf Grund zumindest in Maßen individualisierten Story und der damit erhöhten Wiederspielbarkeit mit ungefähr zwanzig Spielstunden mehr Zeit mit diesem Spiel verbracht als mit vielen anderen Adventures in den letzten Jahren. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht."

Hans Frank

"The Walking Dead hat ein bisschen an Fahrt verloren. Nicht in allen Bereichen, denn an Dramatik ist diese Episode wohl nicht zu überbieten. Für meinen Geschmack hätte Telltale nicht so weit gehen müssen. Ein zweifellos praktischer Nebeneffekt dabei ist aber, dass scheinbar einige Entscheidungen der vorherigen Folgen "entwertet" werden. Auch wenn ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe, dass sich doch noch interessantere Spätfolgen als gedacht entfalten werden, zeigt diese Episode, dass auch Telltale nur mit Wasser kocht. Trotz dieser negativen Töne bleibt The Walking Dead ein sehr spannendes Experiment, das sein Potential gut ausnutzt und gerade in dieser Folge wieder überrascht. Die möglichen Entscheidungen haben mich ein weiteres mal in tiefes Grübeln versetzt. Ich freue mich schon darauf, die Staffel nach Erscheinen der letzten Episode noch einmal mit anderen Entscheidungen zu durchleben."

Simon Tschirner

Episode 3: Long Road Ahead

Gesamtwertung: 7/10

Episode 4: Around Every Corner



Nach einer im Vergleich zur vorherigen Episode recht kurzen Zeitspanne lassen Telltale ihren Zombie-Überlebenskampf in Around Every Corner in die vorletzte Runde der Staffel. Wie sich Entscheidungsfreiheit und filmische Inszenierung mit Rätseldesign vertragen oder auch nicht, erfahrt ihr in unserer Besprechung der vierten Folge von The Walking Dead.

Am Ende einer Reise

Everett und seine Gruppe aus Überlebenden der Zombie-Attacke sind am Ende ihrer Reise angelangt: Savannah. Doch sie müssen feststellen, dass auch hier die Plage nicht halt gemacht hat und ihnen außer den Untoten noch andere, menschliche Überlebende nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Ein Gefühl von Paranoia und Misstrauen macht sich breit, und die Suche nach einer Fluchtmöglichkeit aus der Stadt fordert ihre Opfer.

Eine Geschichte von Leiden und Angst

Unwissen und Unbehagen dominieren die vorletzte Episode. Melancholie und Verzweiflung haben fast ihren Höhepunkt erreicht und spiegeln sich auch in der narrativen Struktur wider. Vieles wird nur angedeutet: Wer sind diese Menschen, die sich in der Stadt gegen die Zombies verteidigt haben? Was ist in diesem Haus, dieser Schule passiert? Wer waren diese Leute? Und vor allem: Gibt es einen Ausweg oder müssen Lee und die anderen als Untote enden oder sind nicht doch die Überlebenden selbst die größte Gefahr? All dies und mehr sind Fragen, die ein subtileres Storytelling ermöglichen und dem Spieler mehr Kopfkino als bisher liefern. Zwar sind die emotionalen und traurigen Momente weniger intensiv als zuvor, doch ist die düstere Gesamtstimmung, die sich mit schockierenden Gewaltexzessen abwechselt, die die Episode trägt.


Auch Savannah ist nicht so sicher, wie erhofft. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Rätsel stören nur

Das Gameplay ist wie immer in selbst ablaufende Dialogszenen, in denen Lee unterschiedlich auf die anderen Charaktere reagieren kann, und in Erkundung und Interaktion mit der Umgebung unterteilt. Klassische Inventarrätsel sind wie in vorherigen Episoden recht einfach. Zwar sammelt Everett einige Gegenstände, die aber meist an demselben Ort benutzt werden müssen. Trotz verschiedener Schauplätze ist die Aktionsfreiheit begrenzt, sind die Lösungen logisch und für den Spieler meist direkt in greifbarer Nähe. Zwar gibt es ab und zu Situationen, in denen etwas Laufarbeit erforderlich ist (was durch das Fehlen einer Lauftaste dann eher gemächlich vonstatten geht), diese halten sich aber in Grenzen.

Handlungen und Entscheidungen

Etwas enttäuschend sind die moralischen Entscheidungen. War der Spieler in vorherigen Folgen noch zwischen den Entscheidungsmöglichkeiten hin und hergerissen oder auch von den Handlungsmöglichkeiten schockiert, wird es diesmal erst zum Schluss hin interessanter, als die Gruppendynamik noch einmal sehr wichtig wird. Weiterhin stehen auch die Charaktere nicht unbedingt zu den bekannten Ich-erzähl-dir-was-aus-meinem-Leben-Dialogen bereit, was für einige vielleicht eine willkommene Abwechslung ist und der tristen Situation zugute kommt, für andere aber vielleicht doch etwas enttäuschend ist, da so die Neugierde mehr über die Figuren zu lernen etwas gedämpft wird und einige Charaktere flach bleiben.

Zu langsame Reaktion führt zum Tod

Vermehrt treten Quick-Time-Events, Shooter-Einlagen und Schleichpassagen auf. Erstere sind zum größten Teil auch ohne Übung im Action-Genre zu meistern, aber ab und zu ist das Zeitfenster für die Aktionen zu knapp bemessen, so dass der Spieler recht schnell reagieren muss, was bei der ungenauen Zielsteuerung nicht immer funktioniert. Die Schleichszenen sind auch nicht einwandfrei umgesetzt, was vor allem an der ungünstigen Kameraführung liegt. Trotz dieser Designmängel verkommt das Spiel aber nie zu einer stumpfen Ballerorgie oder stupidem Tastendrücken, da diese Szenen wohl dosiert zum Rest des eher ruhigeren (oder beunruhigenden) Gameplays sind.


Nach und nach erfährt der Spieler ein paar Details über die Vergangenheit der Protagonisten (Mehr Bilder in der Galerie.)

Blutige Technik

Grafisch bietet das Spiel etwas mehr Abwechslung als vorherige Episoden. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich die Story auf mehrere Areale verteilt. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben: Gesichtsanimationen und Charakterbewegungen sind zwar nicht State-of-the-Art, aber zweckmäßig, um dramatische Szenen umzusetzen. Gerade bei einem actionlastigeren Gameplay macht das Spiel eine gute Figur, wenn die Zombies auf recht drastische Art und Weise das endgültige Zeitliche segnen. Musik und Soundeffekte sind auch auf konstant hohem Niveau und liefern mit leisen Klängen eine melancholische Stimmung. Die Sprecher tun bis auf ein paar Dialogszenen weiterhin ihr Bestes, um Dramatik zu vermitteln. Weniger gelungen sind dafür die Kameraführung und Steuerung. Häufig kommt es vor, dass durch eine nicht frei schwenkbare Kamera der Spieler an Ecken und Kanten hängen bleibt und nicht so recht weiß, wohin er überhaupt gehen muss oder kann, wenn er zum ersten Mal ein Areal betritt.

Aufs Ende vorbereiten

Mit Around Every Corner haben Telltale Games erneut bewiesen, dass sie es verstehen, die Zombie-Thematik erwachsen umzusetzen, der Vorlage gerecht zu werden und die Balance zwischen interaktivem Film und Adventure zu wahren. Spielerisch gibt es dieses Mal zwar weniger Aufgaben zu lösen und auch die vielen QTEs und Action-Szenen dürften nicht jedermanns Sache sein, dafür stimmt aber die Handlung und Atmosphäre. Zwiespältig sind nur wieder einmal die moralischen Entscheidungen, die lange auf sich warten lassen und erst am Schluss andeuten, was noch passieren könnte.

Kommentare

"Die neueste Episode von Telltale's Zombie-Serie ist anders. Erst wollte der Funke nicht so recht überspringen bei mir. Zu lang ließen wichtige Entscheidungen auf sich warten, kontroverse suchte ich vergebens. Doch beim zweiten Durchspielen fielen mir viele kleine Details auf und ich konnte mich auf ein subtileres Storytelling einlassen. Bei den Actionszenen habe ich jedoch gespaltene Gefühle: Teils zu wenig Zeit zum Reagieren, teils durch Gewaltexzesse überraschend gut umgesetzt. Nach einem etwas enttäuschenden Mittel mit Episode 3 scheint die Serie wieder fast zu alter Stärke zurückgefunden zu haben. Jetzt liegt es nur an Telltale, einen würdigen Abschluss zu finden, der auch die Entscheidungen des Spielers nicht vollkommen außer Acht lässt."

Sascha 'nufafitc' Pongratz

"Emotional hat mich Episode 4 nicht so mitgerissen wie ihr Vorgänger, was vor allem an den wesentlich weniger dramatischen Entscheidungen liegt, die der Spieler treffen muss. Auch kann ich einige Wendungen im Verlauf der Geschichte nicht so ganz nachvollziehen, auf die man selbst keinen Einfluss hat. Trotzdem hat Telltale wieder solide Arbeit abgeliefert, die diesmal eine sehr düstere und hoffnungslose Atmosphäre aufbaut und zwischenmenschliche Konflikte - wie schon die Vorlage - in den Vordergrund stellt. Ich blicke gespannt zum Abschluss der Staffel, hoffe auf ein würdiges Finale und auf Staffel 2!"

Hans Frank

"Sicher, die Entscheidungen, die in Around Every Corner zu fällen sind, reichen in puncto Dramatik bei weitem nicht an die Entscheidungen der vorherigen Folge heran. Mir persönlich gefällt das gut, so hat diese Episode wieder etwas Ruhe in das Geschehen gebracht, bevor es dann hoffentlich ein fulminantes Finale in der letzten Episoden geben wird. Generell scheint das Thema Entscheidungen im Hintergrund zu stehen. Stattdessen hat mich die Folge dadurch begeistert, dass es viele Kleinigkeiten zu beobachten und hinterfragen gab. Was hat es mit dem Glockenläuten auf sich? Wer hat Lee und die Gruppe beobachtet? Warum reagieren manche Charaktere so merkwürdig? Ich habe mir während des Spielens und nach dem Ende eine Menge Gedanken gemacht, die teilweise widerlegt wurden, teilweise stimmen, und teilweise (noch?) unbeantwortet blieben - für mich ein tolles Spielerlebnis!"

Simon Tschirner

Episode 4: Around Every Corner

Gesamtwertung: 8/10

Episode 5: No Time Left



Mit No Time Left geht die Zombie-Comic-Adaptation The Walking Dead von Telltale Games in die letzte Runde. Wie sich das Finale der ersten Staffel macht und ob alle bisher getroffenen Entscheidungen im Spielverlauf Auswirkungen haben, erfahrt ihr in unserem Test.

Am Ende eines langen Weges

Lee Everett ist auf der Suche nach Clementine, die von einer unbekannten Person entführt wurde. Ob alleine oder in der Gruppe unterwegs ist es ein Unterfangen, das von Auswegslosigkeit geprägt ist. Die letzte Folge ist im Gegensatz zu vorherigen Episoden linearer erzählt und vor allen Dingen rasanter inszeniert. Zwar gibt es ab und zu noch die Möglichkeit mit anderen Charakteren zu reden, aber die Handlungsfreiheit hält sich doch in Grenzen. Es ist ein Kampf ums Überleben, der dem Spieler nicht nur schnelle Reflexe, sondern auch einen starken Magen abverlangt. Denn es geht eindeutig brutaler und blutiger zur Sache. Allerdings tritt die Geschichte selbst nicht in den Hintergrund. Vielmehr passen diese Szenen immer zur jeweiligen Situation, die verzweifelter nicht sein kann.

Töte um zu überleben

Gab es in vorherigen Folgen hin und wieder Schusswechsel oder das Benutzen von diversen Mordinstrumenten zur Verteidigung gegen die Untoten, erreicht die Anzahl der Kämpfe mit den Zombies hier ihren Höhepunkt. Allerdings fügen sich die Sequenzen nahtlos ins Spielgeschehen ein. Hakelte es beispielsweise in Episode 4 aufgrund von ungenauem Zielen mit der Waffe oder nicht ausreichend Zeit beim Zuschlagen mit anderen Schlaginstrumenten, funktionieren solche Sequenzen hier um einiges besser. Das liegt vor allem daran, dass der Spieler die ganze Zeit schon angespannt dem temporeichen Handlungsverlauf zuschaut, um rechtzeitig die QTEs zu meistern. Diese sind stellenweise sogar recht clever in das Storytelling integriert, da sie dem Spieler bewusst machen, wie wenig Macht er eigentlich in manchen Situationen hat. Selten gab es eine so emotionale Bindung zwischen Spieler und Spielfigur. Gerade zum Ende hin dürften selbst Einwände über Bord geworfen werden, es handele sich ähnlich wie bei Heavy Rain nur um dieselbe Spielmechanik wie einstmals das Tastendrück-Spiel Dragon's Lair.


Das gute Wetter täuscht. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Rätsel braucht kein Mensch oder Zombie

Über das Fehlen von Rätseln darf sich bei der letzten Episode nicht gewundert werden. Schon die Folgen davor haben, bis auf wenige Ausnahmen, das Storytelling vor diese Adventurespiel-Mechanik gesetzt. Es gibt vereinzelt zwar ein paar Hindernisse, die überwunden werden müssen, allerdings hat dies weniger mit Kopfarbeit als mit Beobachtungsgabe zu tun. Meist liegt der benötigte Gegenstand oder die Lösung des Problems nur wenige Schritte entfernt. Insgesamt sind die Areale viel kleiner und bieten nur wenig Handlungsfreiheit. Allerdings ist auch dies nicht störend, denn damit wird sichergestellt, dass sich der Spieler voll und ganz auf die Geschichte und Charaktere konzentrieren kann.

Entscheidungen, Entscheidungen, Entscheidungen

Die Entscheidungsfreiheit war immer ein großes Thema bei The Walking Dead. Nicht immer schienen die Aktionen weitreichende Konsequenzen mit sich zu führen. Doch auch wenn am Ende der ersten Staffel die Grundgeschichte dieselbe bleibt, fallen die bisher getroffenen Entscheidungen nicht einfach unter den Tisch. In einer (ohne zu spoilern) sehr intensiven Dialogszene wird dann alles noch einmal auf interessante Art und Weise mit der Gesamtsgeschichte zusammengefügt. Ansonsten unterscheiden sich die Handlungsstränge gerade dadurch, was der Spieler in Episode 4 zuvor getan hat, was durchaus die Gruppenkonstellation beeinflusst und Auswirkungen auf den Spielverlauf hat. So kann der Spieler nämlich auch ohne jede Hilfe starten, was dem Titel eine noch bedrohlichere Wirkung gibt. Es gibt innerhalb des Spiels zwar etwas weniger Entscheidungen, diese sind stellenweise aber durchaus nicht einfach zu treffen. Gerade einige davon setzen den Spieler vor moralische Dilemmas oder auch vor Situationen, in denen selbst hartgesottene Horrorfans gerne die Augen und Ohren schließen würden.

Eine makellose Inszenierung

Technisch gibt es wenig auszusetzen. Im Gegensatz zur vorherigen Episode treten Kameraprobleme so gut wie nicht auf, was natürlich auch damit zu tun hat, dass das Tempo der Geschichte recht hoch ist und wenig selbst erkundet werden darf. Die englischen Sprecher sind wie eh und je sehr gut, ein Charakter sticht hier besonders hervor. Ohne zu viel zu verraten, sei gesagt, dass er eine der besten Dialogszenen der Staffel ohne viel Pathos zum Besten gibt. Besondere Erwähnung neben der Sprachausgabe sollte die Musik bekommen, denn diese ist sehr abwechslungsreich ausgefallen und überrascht gerade in actionreicheren Szenen mit ungewöhnlichen Variationen, die den Spieler emotional direkt ins Geschehen bringen und mitfiebern lassen.


Die Bedrohung ist allgegenwärtig. (Mehr Bilder in der Galerie.)

Ein Ende wie kein anderes mit neuem Beginn

Die Erwartungen waren groß für das Finale von Telltale Games' erfolgreicher Comic-Adaption. Auch wenn es während der vorherigen Episoden die ein oder andere Enttäuschung aufgrund bestimmter Entscheidungen gab, die keine Auswirkungen auf die Geschichte hatten, fügt sich hier vieles zusammen und bietet dem Spieler ein individuelles Erlebnis, wie es so vermutlich bisher kein einziges Adventure der letzten Jahre geschafft hat. Da Episode 5 noch einige Fragen offen lässt und auch nach den Credits durch einen kleinen Teaser auf Weiteres anspielt, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Telltale Games mit der zweiten Staffel erneut beweist, dass erwachsenes Storytelling und Innovationen im Adventure-Genre durchaus möglich und massentauglich sind.

Kommentare

"Brutaler, blutiger, kompromissloser, aber auch spannender, bewegender und besser als bisherige Folgen ist Telltale Games mit der letzten Folge der ersten Staffel an den Höhepunkt ihres Storytellings gelangt. Für mich ist The Walking Dead immer mehr gewesen als nur das von vielen schon bei Heavy Rain angeprangerte Knöpfchen-Drücken. Selbst in einer Zeit, in der Zombie-Filme immer mehr von ihrer Wirkung verlieren und auch die TV-Serie schon nach der ersten Staffel uninteressant für mich wurde, ist Telltale Games' Interpretation des Comic-Stoffes bewegendes Kopfkino, das zwar mit Gewalt, Blut und Gedärmen nicht geizt, aber im Gegensatz zu so viel anderen am Laufband produzierten Spielen (nicht nur bei Adventures) etwas hat, was vielen fehlt: eine Seele. Wenn in der zweiten Staffel das Konzept und die Inszenierung weiterentwickelt werden und diese Art der Fusion von Storytelling und Gameplay auch in Telltale Games' zukünftigen Projekten miteinfließen, bin ich mir sicher, dass die Zukunft von interaktiven Geschichten im Episodenformat gesichert ist."

Sascha 'nufafitc' Pongratz

"Telltale hat es geschafft, diese großartige erste Staffel von The Walking Dead zu einem würdigen Finale zu bringen. Episode 5 spielt sich sehr schnell und angespannt, es gibt kaum Ruhepausen und die Stimmung ist insgesamt sehr bedrohlich. Ich kenne kein anderes Spiel, das es schafft, so starke Emotionen beim Spieler auszulösen - einfach unvergleichbar. Wir haben hier einen Klassiker, der den Spielern vielleicht noch in zwanzig Jahren in den Köpfen herumgeistert wie heute manche Spiele aus den Neunzigern. Und ich kann nur hoffen, dass das erst der Anfang einer neuen Generation von Spielen war, die den Zuschauer auf eine solche Art und Weise in das Spielgeschehen einbinden. Staffel 2 dieses Franchise ist ja zumindest schon sicher, und ich freue mich darauf. Bei allem Lob muss man aber auch ganz deutlich sagen: The Walking Dead vermittelt perfekt den Eindruck, der Spieler könnte das Spielgeschehen aktiv beeinflussen. Spätestens mit dem Staffelfinale wird aber klar, dass das Versprechen, jeder Spieler hätte seine ganz individuelle Spielerfahrung, nicht wirklich gehalten wird. Bis auf ein paar ganz kleine Facetten und die Auswahl der begleitenden Charaktere ändert sich nichts am Spielverlauf. Aber schon das Vermitteln des Gefühls, man könnte tatsächlich Einfluss nehmen, ist toll und motiviert dazu, die Episoden noch einmal zu spielen. Ganz am Rande seien noch die anfänglich kritisierten Gesichtsanimationen erwähnt, die im Finale eine neue qualitative Stufe erreichen."

Hans Frank

"Kurz, aber knackig. Ich habe mir von der letzten Episode keine ausufernden Veränderungen mehr erwartet, keine Story-Wendungen, keine großen Überraschungen und vor allem keine Rätsel mehr, die den Storyfluss noch irgendwie bremsen könnten. Genau das habe ich bekommen. Das Staffel-Finale ist ein gradliniger Ritt auf das Ende hin. Schnörkellos, unkompliziert, spannend und direkt. Es gibt Antworten und wirft keine neuen Fragen auf. Ein bisschen kurz ist das Finale zwar geworden, das liegt aber eben daran, dass hier das Storytelling im entscheidenden Abschnitt einfach im Vordergrund steht und meiner Meinung nach auch stehen muss. Ich freue mich auf die zweite Staffel."

Michael Stein

Episode 5: No Time Left

Gesamtwertung: 9/10

DLC: 400 Days



Nachdem Telltale mit der ersten Staffel der Comic-Serien-Adaption von The Walking Dead diverse Preise, hohe Wertungen und Verkaufszahlen für sich gewinnen konnten, bieten sie nun mit 400 Days eine ganz besondere Episode an. Ob diese nur als seichte Überbrückung zur zweiten Staffel dient oder doch den Ansprüchen des interaktiven Dramas gerecht werden kann, erfahrt ihr in unserem Test.

Fünf Geschichten über das Leben und Sterben

Im Gegensatz zur ersten Staffel handelt es sich bei 400 Days um keine lineare oder gar in sich abgeschlossene Geschichte. Vielmehr geht es um die Einzelschicksale von Überlebenden, die in fünf kurzen Episoden unabhängig voneinander nachgespielt werden können.
Sträfling Vince sitzt während eines Angriffs von Zombies mit anderen Insassen und Wärtern in einem Gefängnisbus fest. In einem Diner verschanzt sich eine Gruppe von Leuten, die ihre eigenen Regeln aufstellen, wobei die nicht näher definierte Shel nicht so ganz mit den Strafmethoden einverstanden ist. Dann gibt es noch eine Dreiecksbeziehung mit der ehemaligen drogenabhängigen Bonnie und einem Ehepaar, das auf der Flucht vor einer anderen Gruppe ist, während die zwei Loser Wyatt und Eddie in einem Auto ihren unbekannten Verfolgern und den Zombies entkommen wollen. Schließlich wird auch der junge Russel ins Spiel geworfen, der sich auf eine leicht irre Mitfahrgelegenheit einlässt.


5 Kurzgeschichten können unabhängig voneinander auf dieser Pinwand angewählt werden (Mehr Bilder in der Galerie.)

Für viel Abwechslung, Spannung, Drama und auch ein wenig Komik reichen die Episoden aus, nicht aber für ein lang anhaltendes oder besonders tiefgründiges Spielerlebnis. Es gibt zwar immer noch einige bewegende Momente und die Qualität der Dialoge ist über jeden Zweifel erhaben. Allerdings merkt man dem Kurzgeschichten-Konzept an, dass es auf etwas weitaus Größeres hinauszielt. Ob dies dann letztendlich in der zweiten Staffel oder in einem unabhängigen DLC zur Geltung kommt, wird sich noch zeigen.

Viel Drama und Action mit wenig Denkarbeit

Für sich genommen bieten die etwa zwanzig bis dreißig Minuten langen Abschnitte eine gewohnt spannende und auch stellenweise sehr brutale Erzählung. Es wechseln sich wieder ruhige Momente mit Action-Szenen ab, wobei diese im Gegensatz zur ersten Staffel leider nicht immer dieselbe emotionale Wirkung haben, weil dann doch vieles über die Vergangenheit der Charaktere im Dunklen bleibt und die Episoden auch recht schnell zu Ende sind. Die Quick-Time-Events sind wiederum um einiges fairer gesetzt als es noch teilweise aufgrund der etwas hakeligen Steuerung bei vorherigen Episoden der Fall war.


Überlebende stehen vor schweren und oft blutigen Entscheidungen (Mehr Bilder in der Galerie.)

Insgesamt ist 400 Days trotz der unterschiedlichen Stimmungen und Motivationen der Hauptfiguren spielerisch sehr homogen. Wo in Season 1 öfter Puzzle-Elemente die Handlung mehr gebremst haben und oft nicht ganz klar war, wo welche Gegenstände gefunden werden können und mit wie vielen Charakteren noch gesprochen werden muss, verzichtet der Downloadable-Content (DLC) hier vollständig auf die Genre-typischen Kombinationsaufgaben oder besonders lange Dialogbäume. Das mag zwar dem einen oder anderen bitter aufstoßen, der sich von Telltale Games' früheren Adventures verwöhnt gefühlt hat. Aber im Rahmen eines interaktiven Films oder Dramas ist dies völlig in Ordnung, da es dadurch keine unnötige Streckung der Spielzeit gibt, sondern man den Spieler schlicht und ergreifend einfach an der Handlung und den Entscheidungen teilhaben lässt, ohne mit konstruierten Puzzles zu konfrontieren.

Entscheidungen treffen leicht gemacht

Die Entscheidungsfreiheit und Interaktivität war schon bei der ersten Staffel ein zweischneidiges Schwert, gerade weil es oft nicht ersichtlich war, inwieweit der Spieler wirklich Einfluss auf die Handlung hatte und die Schicksale der Charaktere maßgeblich beeinflussen konnte. Bei 400 Days ist es umso schwieriger, dies festzustellen, da nicht ganz klar ist, inwieweit die neuen Spielfiguren später in der zweiten Staffel relevant sind. Interessant ist aber schon einmal, dass die Entscheidungen in den einzelnen Episoden das Ende des DLCs beeinflussen. Ohne zuviel zu verraten, werden die Charaktere dort zusammentreffen und durch ihre Erfahrungen aus der Vergangenheit ohne direkte Eingabe des Spielers etwas für sich entscheiden. Wie sich dies dann weiterhin in der Handlung von Season 2 widerspiegelt, ist offen. Allerdings zeigt Telltale Games hier erneut, dass sie nicht einfach unabhängige Geschichten erzählen wollen, sondern das Episodenkonzept mit Entscheidungsfreiheit weiter ausreizen, auch wenn letztere aufgrund der kurzen Spielzeit nicht in derselben Quantität und Qualität vorhanden ist wie in der Hauptstaffel.


Es gibt kein Richtig oder Falsch, nur schnelle Reaktionen werden verlangt (Mehr Bilder in der Galerie.)

Keine altbackene Technik

Technisch erscheint die Serie zwar nicht in einem komplett neuen Glanz. Allerdings zeigen sich doch sichtlich Verbesserungen bei den flüssigeren Charakteranimationen, weniger Rucklern, Steuerungsproblemen und dafür mit einem insgesamt dynamischeren Spiel der virtuellen Kamera. Die hervorragende englische Sprachausgabe wird nicht zuletzt noch durch eine stimmige Musik und atmosphärische Soundeffekte unterstützt, was die Serie zwar noch zu keinem grafischen Konkurrenten zu Quantic Dream's Heavy Rain macht, aber bei Episodenspielen durchaus eine nur schwer zu überbietende cineastische Qualität aufweist. Erstmals hat eine The-Walking-Dead-Episode übrigens von Beginn an deutsche, italienische, französische, spanische und englische Untertitel.


Trotz angestaubter Technik bietet der Cel-Shading-Stil immer noch eine comicreife Inszenierung (Mehr Bilder in der Galerie.)

Ein DLC der etwas anderen Art

400 Days ist mit weniger als 2 Stunden (beim ersten Durchlauf) ein überraschend kurzes, aber auch gelungenes Experiment des Episoden-Konzepts von Telltale Games' The Walking Dead geworden. Technisch lässt sich schon eine deutliche Steigerung sehen und hören, während die Dialoge und Charaktere weiterhin glaubwürdig geschrieben sind. Nur die wenige Zeit, die zum Kennenlernen der neuen Spielfiguren bleibt, wirkt sich etwas negativ auf den Gesamteindruck und auch die Entscheidungsfreiheit aus, da diese Spezialepisode im Grunde nur eine Sammlung von nicht in sich abgeschlossenen Kurzgeschichten enthält, deren Weiterführung und die Einbindung ins gesamte Staffelformat für einen etwas faden Beigeschmack sorgt. Trotzdem sollte man sich diese Folge nicht entgehen lassen, da sie weiterhin zeigt, welche interessanten Wege in die Zukunft das interaktive Episodenkonzept und Telltale Games selbst gehen.

Kommentare

"Für mich ist The Walking Dead unbestritten eine der besten Spielerfahrungen, die man als Adventure-Spieler haben kann, wenn man nur ansatzweise etwas mit dem postapokalyptischen Szenario und der Gewaltdarstellung anfangen kann und davon abgesehen einfach gut geschriebene Dialoge und emotionale Geschichten erleben will - und natürlich auch nicht vehement auf immergleiche Rätselketten und Inventarkombinationen pocht. Denn was sich bei der ersten Staffel schon angedeutet hatte, wird im DLC umso deutlicher: Es wird weniger geknobelt und dafür umso mehr die Geschichte und Charaktere mit einer kinoreifen Inszenierung zum Leben erweckt. Dieses auf mehreren Erzählebenen funktionierende Konzept fand ich bei 400 Days erfrischend anders, auch wenn ich mir doch teilweise ein wenig mehr Spielzeit gewünscht hätte. Das Treffen der Entscheidungen wirkte dann auch des öfteren ein bisschen zu konstruiert und selbst nach dem zweiten Durchspielen hat sich nicht dieselbe emotionale Bindung aufgebaut wie noch bei Lees und Clementines Geschichte. Deshalb hoffe ich, dass trotz des nicht zwanghaften Erwerbs dieser Spezialepisode Telltale es schafft, die Charaktere und Geschichten sinnvoll in späteren Episoden oder der neuen Staffel zusammenzufügen."

Sascha 'nufafitc' Pongratz

"400 Days hat zwar Spaß gemacht und durchaus wieder einige intensive Spielmomente geboten, insgesamt hätte ich mir für den Preis von fünf Euro aber ein wenig mehr von allem gewünscht. Gerade dass es jetzt über Dialoge und die Steuerung der Charaktere hinaus so gut wie keine anderen Interaktionsmöglichkeiten oder gar Rätsel mehr gibt, gefällt mir nicht. Trotzdem zeigt Telltale natürlich auch hier wieder, dass sie etwas davon verstehen, spannende Geschichten angemessen zu präsentieren. Ich freue mich auf die zweite Staffel und hoffe auf ein Wiedersehen der jetzt im DLC vorgestellten Charaktere."

Hans Frank

"Ich empfand 400 Days als etwas zusammenhanglos, gerade weil die einzelnen Geschichten nur wenig echtes Storytelling bieten und zu aprupt enden. Das macht aber nichts, schließlich ist es 'nur' ein Download-Content zur existierenden Staffel und man merkt diesem auch an, dass ganz bewusst eine Brücke in die zweite Season gebaut werden soll. Das ist grundsätzlich keine schlechte Sache. Warum ich aber fünf Euro dafür ausgeben muss, ist mir nicht ganz klar. Denn das Ziel dieser Kurz-Episode hat PR-Charakter, ähnlich einer Demo-Version. Eigentlich sollten Stammkäufer beider Staffeln für ihre Treue mit genau solchem Material belohnt werden. Strategisch hätte ich mir eher gewünscht, dass Vorbesteller der zweiten Season dieses Stück Spielmaterial umsonst bekommen. Dennoch, 400 Days ist auf jeden Fall einen Blick wert. Ob es dem Einzelnen 5 Euro wert ist, muss jeder für sich selbst entscheiden."

Michael Stein

DLC: 400 Days

Gesamtwertung: 8/10

 

Sascha 'nufafitc' Pongratz