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Nikopol

Vorschau

von  Sebastian 'basti007' Grünwald
05.09.2008
Nikopol

Wenn Pyramiden fliegen

Es gibt so Tage, da wacht man eines Morgens auf, schaut aus dem Fenster, reibt sich die Augen, schaut noch mal, und sieht etwas so Ungewöhnliches, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als es einfach geflissentlich zu ignorieren, aus seinem Gedächtnis zu verbannen und zu versuchen, sein bisheriges Leben so gut wie möglich weiter zu leben. Gelingt einem das nicht, bleibt dann aber nur eines: Der außergewöhnlichen Sache auf die Schliche kommen. Bei unserem Protagonisten Nikopol ist es eine Pyramide. Eine fliegende Pyramide. Über Paris.
Eben jene taucht urplötzlich und unerwartet über der französischen Metropole des Jahres 2023 auf. Leser des Comicromans „Nikopol“ (1981) kennen die Geschichte. Das noch diesen Herbst erscheinende Adventure „Nikopol – Secrets of the Immortals“ ist eine mehr oder minder originalgetreue Umsetzung der Trilogie des serbischen Künstlers Enki Bilal, der in Frankreich absoluten Kultstatus genießt. Dabei orientiert sich das Adventure am ersten Band der Reihe. Bei Erfolg kann man also davon ausgehen, dass auch die weiteren Folgen versoftet werden.

Blade Runner auf französisch

Und ähnlich wie im Comic nimmt die Geschichte auch im Spiel schnell Fahrt auf: Was macht diese ominöse Pyramide in Paris? Wer befindet sich in ihr? Was verhandelt die schattenhafte Regierung? Als Nikopol gerät der Spieler in ein Netz wirrer Intrigen und Verschwörungen einer dystopischen, finsteren und totalitären Zukunftsvision. Wo wir bereits bei den Unterschieden zum Original wären: Während Bilals Geschichte noch in den 80er Jahren rund um faschistische Staatsfehden zwischen Russland und den USA angesiedelt ist, machen die Entwickler von White Birds daraus ein Science-Fiction-Adventure ganz im „Blade Runner“-Stil. Um den ursprünglichen Plot dabei nicht zu stören spielt man hier nicht den Helden des Comics selbst, sondern dessen Sohn. Zeitgleich befindet sich Nikopol senior aber als Dissident auf einem interstellaren Gefangenentransporter im Erdorbit und bereitet seine Rückkehr zur Erde vor.
White Birds verspricht, diese Änderungen mit viel Achtsamkeit vorgenommen zu haben, sodass alle Freunde des Originals weiterhin die intelligente Hintergrundgeschichte wiedererkennen werden. Überhaupt wirkt diese ohnehin selten so aktuell wie heute: Das Paris der Zukunft hat sich zu einem düsteren Überwachungsstaat verwandelt. Der Stadtkern teilt sich in einen kleinen Bereich für die Wohlhabenden und ein großes Slum für die restliche Bevölkerung. Die russischen und amerikanischen Agenten sind jetzt zwei verfeindete, nicht näher definierte Religionen und mittendrin gibt es die Pyramidenbewohner, in Wahrheit ägyptische Gottheiten, welche die faschistische Regierung wegen Ölbedarf unter Druck setzen.

Hochauflösende Illuminaten mit Rundum-Blick

Gekonnt mischt Nikopol dabei archetypische Mythologie mit spiritueller Symbolik und aktuellem sozialkritischen Bezug zu einem atmosphärisch-düsteren Thriller. Freunde von außerirdischen Göttermythen, komplexen Paralleluniversen und verschworenen Schattenregierungen werden sich bei der cleveren Verknüpfung verschiedener Alternativtheorien schnell heimisch fühlen. Die „allsehende“ fliegende Pyramide ist hier nur eine von vielen Anspielungen in Bilals Geschichte.
Man merkt, dass die Entwickler Vieles daran gesetzt haben, die Stimmung der Erzählung auch in das Adventure zu retten. So werden zum Beispiel die Zwischensequenzen als hübsche Collagen aus animierten Szenen und Comic-Standbildern montiert. Technisch hat White Birds diesmal die Ego-Perspektive gewählt. Dabei bietet jede der rund 130 vorgerenderten Szenen eine volle 360-Grad-Ansicht. Die linke Maustaste dient der Aktion, mit rechts öffnet man das Inventar. Die sehr detaillierten Screens liegen in Auflösungen bis 1280x1024 vor, Breitbild-Varianten eingeschlossen, zusätzliche Effekte lassen sich per Optionsmenü bestimmen, genauso wie die Empfindlichkeit der Maus. Damit läuft Nikopol auch auf schwachbrüstigen Rechnern noch sehr flüssig und sieht auf modernen Maschinen trotzdem gut aus.

Hör mal wer das propagiert!

447]Nicht alltäglich für ein Ego-Adventure ist ein Parallaxfeature, das die einzelnen Ansichten nicht mehr nur in eine sondern gleich in mehrere vorgerenderte Hintergründe unterteilt. Schaut man zum Beispiel aus dem Fenster bewegt sich beim Umsehen der Hintergrund hinter dem Fenster in einer anderen Geschwindigkeit, so dass ein besserer Tiefeneindruck entsteht. Zahlreiche Animationen wie vorbeifliegende Raumschiffe, blinkende Lichter oder ein durchgehend animierter Himmel sorgen für mehr Dynamik. Besonders gefällt aber die Akustik, welche mit vielen, zufällig eingespielten Sounds für zusätzliche Atmosphäre sorgt, z.B. wenn die faschistische Regierung vor dem eigenen Appartement verschiedene Propagandadurchsagen durch die Lautsprecher verkündet. Hin und wieder werden per Zufall dezente Musikstücke mit leicht psychedelischem Einschlag eingespielt, die gut zum Gesamtbild des Spiels passen.

Alles schön der Reihe nach!

So viel Mühe wie sich White Birds mit der Präsentation macht, so kritisiert sind sie doch immer wieder im Gameplay. Auch bei Nikopol gibt es hier und da einige Kritikpunkte: Gegenstände, die man zwar in der Ego-Perspektive nicht anklicken kann, die aber dennoch zum Kombinieren mit anderen Gegenständen funktionieren, Hotspots, die nach einmal Klicken einfach komplett verschwinden bis hin zu nicht allzu logisch strukturierten Rätseln.
Ein Beispiel: Um ein Porträt seines Vaters zu malen benötigt Nikopol ein Standbild aus einem Urlaubsfilm. Also bauen wir flugs die Staffelei auf und richten den Projektor darauf aus. Doch Nikopol weigert sich beharrlich, den Film auf die Staffelei zu projizieren. Eine Filmleinwand muss her, die man mit ziemlichem „Pixelhunting“ auch findet. Erfreut endlich das Gemälde zeichnen zu können, weigert sich Nikopol erneut. Eigentlich wäre es ihm jetzt doch lieber, den Film direkt auf die Staffelei zu projizieren. Selbstredend, dass diese Vorgehensweise auch wirklich in dieser strikt linearen Reihenfolge eingehalten werden muss. Ein gewisser Frust ist damit leider vorprogrammiert. Wir werden bei Release noch einmal näher abprüfen, ob die Entwickler hier noch einmal drüberpoliert haben, denn die uns mitgegebene Testversion galt also schon nahezu final.

Hammartig behämmerte Hämmerei-Rätsel

Ansonsten gibt sich Nikopol klassisch: Neben dem üblichen Suchen und Anwenden von Gegenständen verspricht das Spiel noch rund ein Dutzend logischer Puzzles, die aber alle mit der Storyline verwoben und nicht zu komplex sein sollen. Wirkliche Logikgranaten sind diese Rätseleinspieler allerdings auch nicht immer. So muss sich Nikopol mit einem Hammer einen Weg durch die Wand schlagen, weil er über den Schutt des Treppenhauses nicht steigen kann. Warum er dabei nur fünf Mal hämmern darf und am Ende wirklich alle Steine in der richtigen Reihenfolge zerschlagen sein müssen sollte man besser nicht nachfragen.
Insgesamt sind im ersten Nikopol-Abenteuer fünf Kapitel zu lösen, welche sich dramaturgisch am Aufbau des Comics orientieren und den Spieler von Nikopols Appartement bis in die Pariser Nobelbezirke und den Räumen des Diktators führen werden. Multiple-Choice-Dialoge gibt es dabei übrigens keine, alle Gespräche sind selbstablaufend.

Zeiträtsel zum Sterben schön

Was Nikopol dagegen bietet sind Sterbeseqeunzen. So soll es, ungewöhnlich für die Adventures von heute, sogar einige wirklich brenzlige Situationen geben, in denen unser Charakter bei fehlerhaften Handlungen das Zeitliche segnet. Überhaupt sind diese Szenen das ganz große Plus bei Nikopol. Wenn plötzlich unerwartet lindwurmartige Wesen durch die eigene Apartementtüre brechen und man sich hektisch per Mausklick hinter einem Schrank versteckt, während man eines davon durch einen Spalt schnüffelnd und gurgelnd beobachten kann, bekommt Nikopol ein für Adventurespiele selten nervenaufreibendes Tempo. Auch die zumindest in der englischen Version gelungene surreale Präsentation, die fast schon einem David Cronenberg Ehre machen würde, unterstreicht die Wertigkeit dieser Szenen. Wer auf zeitbasierte Herzklopf-Rätsel à la Phantasmagoria oder Tex Murphy steht und gegen die ein oder andere Todessequenz nichts einzuwenden hat, könnte bei Nikopol Gefallen finden, zumindest wenn auch die restlichen Zeitsequenzen auf dem Niveau ablaufen wie die erste von uns angetestete. Entwarnung noch für alle besorgten Eltern und Puristen: Die Sequenzen sind jugendfrei und natürlich gibt es eine Autospeicherung.

Große Lizenz für die Nische

Angesichts des vielversprechenden Stoffs, den White Birds mit „Nikopol“ in den Händen hält, muss man hoffen, dass sich die Gameplay-Schnitzer am Ende in Grenzen halten, denn die Atmosphäre macht schnell Lust auf mehr. Schöpfer Enki Bilal ist bekannt dafür, normal keine Lizenzen für seine Werke zu vergeben. Nur die enge Freundschaft mit Benoît Sokal, gleichzeitig Mitgeschäftsführer von White Birds, ermöglichte den Entwicklern erst die Zusammenarbeit. So habe Bilal die verschiedenen Artworks und Grafiken als Berater abgesegnet und wurde aktiv in den Entstehungsprozess eingebunden. Dabei, so wurde uns versichert, habe man teilweise auf minimale Details achten müssen, um trotz neuem Setting im Stil des Originals zu bleiben.
In dieser Hinsicht ist Nikopol für Fans des Comicromans bestimmt ein Pflichtkauf. Auch Freunde von Ego-Adventures wie Dracula oder der Atlantis-Reihe sollten Nikopol im Auge behalten. Zwar ist das düstere Science-Fiction-Adventure mit Sicherheit kein Syberia und auch vom Budget mutet der Titel eher wie ein Nischenprodukt an, die gelungene Atmosphäre und die spannende Story könnten es aber aus dem Durchschnitt hervorheben. Dazu kommt die Position als richtiger Thriller samt „Angstschweiß-Tempo-Sequenzen“ mit einer gelungenen Optik in einem stimmigen Universum. Vielleicht hilft dem Spiel gerade dieses Alleinstellungsmerkmal zum gewünschten Publikum, welches bei den etwas unlogischen Rätseln hin und wieder mal ein Auge zudrückt. Das vollständige Gesamtbild wird am Ende mit Sicherheit dennoch vom eigentlichen Gameplay und möglichen Frustfaktoren abhängen, die wir in einem Testbericht separat prüfen werden. Da Nikopol als Buch in Deutschland nur in einer äußerst geringen Auflage erschienen ist und die Reihe hier nicht mal ansatzweise den Kultstatus genießt wie in anderen Regionen, hat das Spiel bislang keinen deutschen Publisher. Hoffentlich ändert sich dies noch, allein schon damit White Birds die Möglichkeit hat, die angedachte Trilogie auch ordnungsgemäß abzuschließen – was übrigens nicht heißt, dass das Spiel selbst nicht abgeschlossen ist: Jeder Teil wird einem Band und damit einem abgeschlossenen Handlungsstrang entsprechen.
Auf alle Fälle wird es auch eine Portierung auf den Nintendo DS geben, übrigens mit vollständiger Sprachausgabe, Zwischensequenzen und ebenfalls in Ego-Perspektive. Die ersten uns gezeigten Vorabeindrücke auf dem Handheld sahen schon sehr vielversprechend aus. Bis dahin sind wir verhalten optimistisch und drücken die Daumen für eine deutsche Übersetzung des erzählenswerten Stoffs.

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