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Haunted

Vorschau

von  Sebastian 'basti007' Grünwald
20.07.2009
Haunted
Mit einem kräftigen Ruck öffnen wir die mehrere Meter hohen, dunklen Flügeltüren eines exklusiven Hotels in der Frankfurter Innenstadt und betreten etwas ehrfürchtig den in schwarzem Klavierlack gehaltenen Empfangsraum. Ein Portier führt uns in den obersten Stock des Anwesens, in dem der Publisher HMH Interactive und das Frankfurter Entwickler-Studio Deck13 ihr neuestes Adventure vorstellen wollen: Haunted. Passend zum gespenstischen Inhalt verdunkelt Produzent Egbert Latza den Raum während Deck13-Chef Florian Stadlbauer die ersten Szenen der Beta-Version stolz für uns per Beamer an die Wand wirft und anspielt.
Deck13 Kapitän Stadlbauer zaubert uns einen Geist aus seiner Tasche

Totgesagte leben länger

Professorin Lindsey Ashcroft ist ein(e) Videospiel-Bösewicht(in) aus dem Bilderbuch: Ihr strenger, kühler Blick und die hagere Figur, vor allem das Gesicht mit seinen eingefallenen Wangen und dem hervorstehenden Kinn, lässt leicht erkennen, dass sie den Part des Widersachers in Haunted einnimmt. Natürlich merkt dies der Spieler spätestens, wenn er im Intro sieht, wie Ashcroft ihrem Handlanger Ethan den Befehl gibt, das junge, scheinbar tote Mädchen auf dem Seziertisch vor ihnen, aufzuschneiden. Einst erfolgreiche Pathologin, beschäftigt sich Ashcroft schon lange mit dem Tod und dessen Erforschung. Sie ist unheilbar krank, doch sie fand heraus, dass der Tod eines Menschen Energien freisetzt, die ihr zu neuem Leben verhelfen könnten. So ist Mary, das Straßenmädchen auf dem Seziertisch, bei weitem nicht die erste Versuchsperson. Doch Mary hat Glück. Sie ist gar nicht tot. Voller Schrecken wacht sie in letzter Sekunde auf, als sich der Stahl von Ethans Klinge seinen Weg durch ihre Haut bahnen will. Von der Lebendigkeit Marys nicht gerade begeistert, wird sie von Ethan und Ashcroft in den Turm gesperrt. Jetzt darf auch der Spieler aktiv in das Geschehen eingreifen. Primärziel: Schnellstmöglich flüchten.

In Adventures kann man nicht sterben

Die ganze Szene wirkt hochdramatisch, beziehungsweise "wird wirken", denn in unserer Version fehlte noch die peitschende Hintergrundmusik. Aber bereits die zahlreichen Kamerafahrten und cineastischen Zwischensequenzen lassen erahnen, dass man bei Deck13 viel Wert auf die Spielgestaltung und Atmosphäre gelegt hat. Dennoch bleibt Haunted trotz der vorgegaukelten Action natürlich ein Adventure der klassischen Sorte. So kann man zum Beispiel nicht sterben und die Steuerung erfolgt komplett per Point'n'Click. Auch die Hotspot-Anzeige, die mit einem zusätzlichen Symbol nun auch verrät, was man mit dem entsprechenden Gegenstand anstellen kann, ist nun über ein eigenes Icon zugreifbar. Farb-, Klang-, Schiebe-, oder gar Logikrätsel, wie man sie etwa aus Myst kennt, soll es ebenfalls nicht geben. Man zeigte uns zwar eine Aufgabe auf Zeit, diese war jedoch keine der nervigen Sorte. Man verlässt sich somit auf die mit Ankh und Jack Keane begonnene Deck13-Philosophie und präsentiert hauptsächlich Inventarknobeleien, Dialog- und Explorationsrätsel sowie die Interaktion mit den Geistern. Geister? Langsam...

Die Geister, die ich rief

Während der Flucht aus dem Turm macht Mary eine Begegnung der übernatürlichen Art. Sie trifft auf ein waschechtes Gespenst: Oscar, ein äußerst kurz geratener, versoffener Piratenkapitän, den das Zeitliche segnete als er zum ersten Mal aus dem Hafen auslaufen wollte. Dieser Oscar schließt sich trotz des anfänglichen Widerwillens Marys an und unterstützt sie bei ihrem Abenteuer. Der Grund: Mary fand Oscars Handschuhe, ein Artefakt, das den Geist nun an sie bindet. Somit kann sie über Oscars Spezialfähigkeiten verfügen. Er vermag Dinge anzufassen, die ein Mensch nur unter großen Schmerzen berühren kann, etwa eine heiße Glühlampe oder Gegenstände, die unter Strom stehen. Natürlich wird der Spieler im Laufe des Spiels diese Fähigkeit mehrfach ausnutzen.
Was für Oscar die Handschuhe sind, ist für den Bildschirm füllenden Schottengeist William Wallace alles "Tote". Auch dieser Geist begleitet uns auf unserem Weg und hilft uns mit schierer Körperkraft aus manch misslicher Lage. Insgesamt zehn solcher Untote wird man im Laufe des Spiels treffen, die alle eine besondere Hintergrundgeschichte haben, welche sie davon abhält, in das ewige Leben einzutreten und durch die sie derzeit noch in der Zwischenwelt verweilen müssen. Diese Geister, sofern sie sich dem "Club" angeschlossen haben, wandern ähnlich wie normale Gegenstände in Marys Inventar am unteren linken Bildschirmrand. "Gewöhnliche" Gegenstände werden dagegen in einer Inventarleiste oben platziert. Im Prinzip setzt man die Gespenster dann auch wie jeden anderen Inventargegenstand auch ein. Auch das Kombinieren von Geistern mit normalen Inventargegenständen oder die Kombination von Geistern mit anderen Geistern ist möglich.
Zur Veranschaulichung präsentierte man uns ein typisches Rätsel in Haunted: Mary befindet sich nachts in einer beleuchteten Gasse Londons. Um hier einen Brief zu stehlen, muss sie möglichst unbeobachtet vorgehen, das Licht muss also irgendwie ausgemacht werden. Vor der hellen Straßenlaterne steht eine Totenkutsche und wir haben bereits Oscar und William im Gepäck. Also machen wir uns Williams Stärke zu Nutze und lassen ihn die Kutsche hochheben, auf der wir zuvor Oscar platziert haben. Dieser kann nun völlig schmerzfrei die Glühbirne der Straßenlaterne sabotieren, sodass Mary im Schutz der Dunkelheit agieren kann.
Mary mit drei Geister-Kollegen: Oscar, Konfuzius und WilliamDeck13 hat uns auch verraten, dass sich gegen Ende des Spiels, bis zu sechs gespenstische Helfer gleichzeitig im Inventar befinden werden, neben den zwei genannten unter anderem der weise Konfuzius oder der katholisch-angehauchte "Pope". Die Interaktion mit den Geistern soll das tragende Gameplayelement in Haunted sein und darüber hinaus für eine gute Portion Humor sorgen. Vor allem Oscar ist immer für einen Schabernack gut und kontakariert das sonst eher melancholische Waisenkind Mary. Am Ende soll es deswegen nicht nur für die Protagonistin eine charakterliche Entwicklung geben, auch unsere lieb gewonnenen Spukgestalten machen eine gewisse Lernkurve durch. Von dem uns Gezeigtem zu urteilen, funktioniert das bereits sehr gut. Sollten die restlichen Rätsel und Dialoge von der gleichen oder noch besseren Qualität sein, erwartet uns ein sicherer Gameplay-Hit mit Fokus auf den geschmeidigen Spielfluss, der Story und Charakterentwicklung.

Von London bis nach Transylvanien

Nachdem Mary vor Lindsey Ashcroft und Ethan flüchten konnte, ist das Spiel natürlich nicht vorbei. So wird sie nachts von Alpträumen über ihre Schwester Emily geplagt, die sie eigentlich gemeinsam mit ihren Eltern bei einem Zugunglück verloren zu haben glaubte. "Hilf mir - sie tun mir weh! Rette mich!" sind die Worte, die Mary Aufwachen und daran zweifeln lassen, dass ihre Schwester tatsächlich tot ist. Dabei scheint auch ein Amulett, dass sie von ihrer Schwester geerbt hat, eine tragende Rolle zu spielen. Selbstredend deckt der Spieler während des Spielverlaufs Marys Vergangenheit auf und auch die geschilderte Begegnung mit Ashcroft wird dabei nicht die erste und letzte gewesen sein. Florian Stadlbauer verspricht unterhaltsames "Popcorn-Kino", dass deutlich weniger Längen als Jack Keane aufweisen und damit zwar auch rund ein Drittel kürzer, aber dafür deutlich detaillierter, straffer und fein geschliffener sein soll.
Die verschiedenen Locations, die sich vom Labor über London und Schottland bis nach Transylvanien erstrecken sollen, sind tatsächlich mit viel Liebe zum Detail erstellt worden. Verschiedene Räume erstrecken sich beispielsweise über mehrere Ebenen. So kann man in London die noch in bau befindliche Tower Bridge besuchen und sich dort über ein Gerüst bis in die oberste "Etage" vorarbeiten. Zu Entdecken gibt es in dem Spiel demnach wirklich genug. Die schön ausgeleuchteten Szenen spielen dabei meist zur Nachtzeit, hin und wieder darf sich der Spieler aber auch an einigen Sonnenstrahlen erfreuen.

Manches neu, macht die Mary

Wie bereits erwähnt ist Haunted ein klassisches Deck13-Adventure. Trotzdem gibt es natürlich auch hier einige spielspezifische Besonderheiten. Die Technik wurde noch mal kräftig aufgebohrt und erlaubt jetzt noch stimmungsvollere Kamerafahrten und Zooms auch während des regulären Spielverlaufs und nicht nur in Zwischensequenzen. Die Hardwareanforderungen sollen etwas über Jack-Keane-Niveau liegen, wobei auch in Haunted alle Szenen in Echtzeit-3D dargestellt und somit eine große Bandbreite an Auflösungen unterstützt werden. Neu ist auch eine Spielehilfe direkt über den Geist Oscar: Immer wenn über ihm eine Glühbirne aufleuchtet, kann man bis zu drei Fragen über das aktuelle Geschehen stellen. Je länger man fragt, desto präziser werden die Spielhinweise. Mit Hilfe dieser Dialoghilfe soll der Spielbruch gegenüber einem externen "Quest-Log" minimiert und der Spieler durchgehend im Geschehen gehalten werden. Freunden von "Journeyman Project 3" kommt das System sicherlich bekannt vor. Auch unterschiedliche Lösungswege verspricht Deck13, wobei man sich hier etwa an dem Jack-Keane-Niveau orientiert. Die uns vorgeführte Betaversion hatte bereits gelungene Sprachausgabe, wobei HMH bis zur finalen Version noch weiter optimieren und bekannte Sprecher engagieren will. Das Release ist für das letzte Quartal 2009 vorgesehen.
Die Geister, die Florian Stadlbauer rief...

Haunted - mit Herz, Humor und vielseitiger Handlung

Deck13 spricht bei "Haunted" von einem "Party"-Adventure. Damit ist nicht Party im Sinne von "Feier" gemeint sondern Party im Sinne von der Zusammenkunft unterschiedlicher Charaktere, wie man es aus Rollenspielen kennt. Und tatsächlich könnte Haunted das bislang charakterstärkste Spiel von Deck13 werden. Wir hatten bei der Präsentation viel Spaß, wenn der betrunkene Oscar mit einer Lore gegen eine Wand klatscht, die vergessliche Lucy sich ironisch über das Dialogrätsel des Spiels lustig macht oder Konfuzius sich in ein Fass Wasser verwandelt. Haunted macht einen großen Spagat zwischen Gruseladventure mit ernstem Hintergrund, vielen Slapstickszenen auf Deck13-Niveau, klassischem Rätseldesign mit verrückten Ideen und charakterorientierter Storyentwicklung. Es lässt sich damit noch nicht so richtig in eine Schublade schieben. Ob dies dem Spiel aus Marktsicht gut tut oder nicht, lässt sich jetzt vermutlich noch gar nicht abschätzen, zumal wir noch keinen wirklichen Eindruck darüber haben, wie sich der gesamte Spannungsbogen über die Spielzeit von etwa 15 Stunden trägt und ob die Geschichte am Ende das hält, was sie verspricht. Die für uns angespielten Szenen waren im Gameplay sauber ausgearbeitet, die Dialoge flüssig und die Szenen sehr atmosphärisch. Die Handhabung ist klassisches Point'n'Click und das Einbinden von Charakteren in den Handlungsverlauf zwar alles andere als neu, aber dafür deutlich spaßiger und emotionaler als wenn man dauerhaft nur irgendwelche "toten" (haha!) Gegenstände kombiniert.
Übernächtiger Produzent, wacker stillstehender EntwicklerHMH hat sich für 2009 jedenfalls auf die Fahnen geschrieben, die zwei besten Adventures des Jahres zu veröffentlichen. Gut möglich, dass sie mit Haunted dabei auf dem besten Wege sind und Adventurespieler pünktlich zu Weihnachten die gerufenen Geister Oscar, William, Konfuzius & Co sehr lieb gewinnen. Und allein der Ladebalken der uns präsentierten Beta-Version, der eine Skelett-Figur zeigt, die der eines bekannten LucasArts-Künstlers zum verwechseln ähnlich scheint, offenbart, dass bei Deck13 wirkliche Fans am Werk sind. Und auch wenn das Gespensterthema im Genre in letzter Zeit arg strapaziert wurde, bietet Haunted doch genug Potential für einen Hit, der genau durch diese ungewöhnlichen Aspekte punktet. Wir sind gespannt.
Spot an für Haunted - hoffentlich noch dieses Jahr
Giancarlo 'Gianni' Wenske

Deck13 HMH
Sieht gut aus