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Alter Ego

Vorschau

von  Benjamin "Grappa11" Braun
26.02.2010
Alter Ego
Fast sechs Jahre ist es nun schon her, als Future Games' Vorzeigeadventure The Black Mirror erstmals in einer deutschen Fassung auf den Markt kam. Seitdem schafften es zwei weitere Titel des tschechischen Entwicklers nach Deutschland. Während Nibiru bereits hinter den Erwartungen zurückblieb, waren die deutschen Abenteurer nach dem enttäuschenden Reprobates endgültig bedient. Trotzdem keimte Hoffnung auf, als Martin Malík und Marcel Špeta auf der Games Convention 2008 erste bewegte Bilder aus Alter Ego zeigten, die nicht nur auf den ersten Blick Erinnerungen an den Gruselklassiker aus dem Jahr 2004 weckten. Wir haben kürzlich die Gelegenheit genutzt, in die ersten drei Kapitel reinzuspielen. Kann Alter Ego den hohen Erwartungen standhalten?

Go West

Der Kleinkriminelle Timothy Moor sehnt sich nach einem Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Seine Seereise als blinder Passagier in die südenglische Küstenstadt Plymouth endet jedoch in Handschellen. Halbnackt gelingt ihm mit einem gewagten Sprung ins Hafenbecken die Flucht vor der Polizei ins städtische Kanalsystem. Der sympathische Tunichtgut hat dabei zwar das Medaillon seiner Eltern verloren, ist aber wieder einmal ungeschoren davongekommen.
Gemeinsam mit einem Freund will er in die Vereinigten Staaten gelangen, um dort ein neues, besseres Leben führen zu können. Kaum haben sie ihren Treffpunkt auf einem Friedhof verlassen, wird dort das Grab des mutmaßlichen Mörders Sir William geöffnet, der Leichnam entwendet und der Friedhofswärter kaltblütig ermordet...
In der tollen Rendersequenz zu Beginn werden<br>wir Zeuge von Timothys riskanter Flucht<br>vor der Polizei.

Gauner haben's schwer

Nach dem toll gemachten Intro steigen wir gleich ins Abenteuer ein. Nur mit einer Unterhose bekleidet und mit Handschellen gefesselt, konnte sich Timothy in die Kanalisation retten. Die Schächte führen ihn in eine Reinigung, in der wir auf Wäscherin Emily treffen. Nachdem sie von unserer Friedfertigkeit überzeugt ist und wir ihr etwas zur Hand gehen, ist Timothy seine Handschellen los und kann sich dank neuer Klamotten auch wieder in der Öffentlichkeit blicken lassen, ohne zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Er begibt sich zu einer etwas versifften Hafenkneipe, in der er mit Kumpel Brian zusammentreffen möchte. Von seinem Freund ist natürlich keine Spur, weshalb unser Anti-Held einige weitere Aufgaben erfüllen muss, um dessen Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen.
Die Kellnerin könnte eine wichtige Information für uns haben, solange Tim aber nicht für seinen Drink bezahlen kann, ist sie nicht bereit, mit ihm zu sprechen. Timothy spielt zwar mit dem Gedanken, einen blinden Violinisten zu fragen, ob er vielleicht seinen Freund gesehen hat, verzichtet letztlich aber doch auf das kleine Späßchen. Stattdessen entwenden wir einem betrunkenen Gast ein paar Knöpfe und "wechseln" diese im Klingelbeutel des Blinden gegen Bares. Allzu hoch liegt die Hemmschwelle unseres Spielcharakters also nicht, wenn es um die Wahrung seiner Interessen geht. In anderen Situationen beweist er jedoch, dass er grundsätzlich ein gutmütiger Mensch ist.
Die Hafenkneipe in Plymouth. Von Tims Kumpel Brian<br>ist selbstverständlich keine Spur.

Dialoglastig

Die Dialoge in Multiple-Choice-Form nehmen eine sehr zentrale Rolle ein und machen den mit deutlichem Abstand größten Anteil des Spiels aus. Der transportierte Inhalt steht nicht immer in bestem Verhältnis zur Textmenge, in sinnlose Laberei arten die Gespräche aber nie aus. Da man gerade in den Spielabschnitten mit Timothy auch immer wieder humorvollere Dialoge und Kommentare einstreut, lesen wir die englischen Textzeilen jedenfalls überwiegend gerne und interessiert. Deutsche Bildschirmtexte oder Sprachausgabe waren noch nicht enthalten, offizielle Informationen zu den Sprechern liegen noch nicht vor.
Inspektor Briscol, der zweite spielbare Charakter in Alter Ego, hat ebenfalls ein paar Startprobleme, nachdem ihm eine leichte Dame im Polizeirevier die Papiere entwendet. Einige Dialoge später hat der Beamte mit der Melone auf dem Kopf diese aber wieder und kann endlich sein Büro betreten. Unsere ersten Ermittlungen führen zu einem Friedhof, auf dem am Tag zuvor der berüchtigte Sir William, den die Zeitungen nur 'White Beast' nennen und der zahlreiche, besonders grausame Verbrechen verübt haben soll, unter Protest der Öffentlichkeit zu Grabe getragen wurde. Dessen Leichnam wurde noch in derselben Nacht entwendet, der Friedhofswärter und sein Wachhund liegen tot zwischen den Grabsteinen. Bricol muss klären, wer den Mord und den Grabraub zu verantworten hat.
Der ermordete Friedhofswärter:<br>Wer hat die Bluttat zu verantworten?

Einsteigerfreundlich

Die ersten drei der insgesamt neun Kapitel haben uns etwas weniger als 2,5 Stunden beschäftigt. Über den Umfang der Kapitel 4-9 können wir nur spekulieren, es bleibt aber zu hoffen, dass sich der Trend fortsetzt und die letzten sechs Spielabschnitte ein etwas höheres Ausmaß haben als die ersten drei.
Spielerisch präsentiert sich Alter Ego bislang wenig vielfältig und besteht überwiegend aus simplen und simpelsten Aufgaben. Die meisten Probleme lassen sich mit dem Führen von Dialogen beseitigen, für die man manchmal etwas zu häufig umherwandern muss. Schön in die Handlung integrierte Inventar- und Kombinationsrätsel gibt es einige. Anfangs ist das Inventar noch kaum befüllt, später steigt die Anzahl der Inventargegenstände und damit auch der spielerische Anspruch aber leicht an. Von einer Ausnahme abgesehen sind uns in Alter Ego bislang keine weiteren Rätseltypen begegnet, für die folgenden Kapitel verspricht man aber zumindest ein paar kniffligere Aufgaben.
Die mittlerweile fast schon übliche Hotspotanzeige ist auch in Alter Ego enthalten und zeigt sämtliche aktiven Objekte und Ausgänge an. Mit Hilfe eines anderen Hotkeys kann man sich aber auch lediglich die Ausgänge anzeigen lassen. Ein Doppelklick auf einen Ausgang beschleunigt den Szenenwechsel, innerhalb der Szenen bewirkt ein doppelter Klick, dass der Charakter sich rennend fortbewegt. Eine Art Tagebuch, in dem Inspektor Briscol wichtige Objekte illustriert, kann jederzeit aufgerufen werden. Bei einem Klick, beispielsweise auf die Zeichnung der Leiche des Friedhofswärters, erzählt uns der gut gekleidete Ermittler, der eine deutliche Ähnlichkeit zu Sherlock Holmes' Assistenten und Freund Dr. Watson hat, noch einmal, was er bisher in Erfahrung gebracht hat.
Die Dialoge können beliebig oft geführt werden, bereits abgehandelte Sprechabschnitte werden dabei ausgegraut, um überflüssige Wiederholungen zu vermeiden. Auf diese Weise gehen versehentlich weggeklickte Textzeilen aber auch nicht einfach verloren.
Alter Ego präsentiert immer wieder stimmungsvolle Wettereffekte.

Stimmungsvolles Süd-England des 19. Jahrhunderts

In einem Punkt kann man eindeutig Entwarnung geben, die neueste Version der AGDS-Engine läuft einwandfrei. Üble Slowdowns wie in Reprobates sind bei uns jedenfalls nicht aufgetreten. Auch die Problematik im Animationsbereich, wobei die Charaktere sich nicht nur recht steif, sondern auch mitunter ruckelig oder wie in Zeitlupe bewegten, gehören offenbar der Vergangenheit an. Es gibt einige sehr schöne Spezialanimationen, wenn Tim zum Beispiel eine zeitgenössische Waschmaschine bedient oder in Handschellen eine Steigvorrichtung hochkraxelt. Insgesamt hinken die Charakteranimationen aber etwas hinterher, über die Vielfalt, besonders im Bereich der Mimik, wie man sie in Reprobates aufwändig umgesetzt hat, verfügt Alter Ego nicht ganz. Alibibewegungen bei der Aufnahme oder Verwendung von Objekten sind relativ häufig anzutreffen, wesentlich seltener sind kleinere Sprünge in den Animationen zu erkennen.
Über Auflösungen bis zu 1680x1050 Pixel dürften sich besonders Besitzer größerer Monitore freuen. Gerade für diese wird es jedoch mit Blick auf die Charaktermodelle etwas problematisch. Je höher die Auflösung gewählt wird, umso stärker fällt der Kontrast zwischen Hintergründen und 3D-Charakteren auf, die für die größeren Bildabmessungen etwas besser texturiert sein könnten. Die Hintergründe selbst sind aber sehr gelungen, verfügen über einen hohen Detailgrad und sind atmosphärisch ausgeleuchtet. Insgesamt geht man eher sparsam mit bewegten Hintergrunddetails um, wartet dafür aber mit schönen Wettereffekten auf. Von unterschiedlich starkem Regenfall und Partikeleffekten wie Nebelschwaden macht man häufig Gebrauch.
Ähnlich wie in Black Mirror betritt man viele der Schauplätze zu unterschiedlichen Tageszeiten und bei verschiedenen Witterungsverhältnissen, was auch in Alter Ego viel Freude bereitet. Sehr schön gewählt sind auch die Blickwinkel, aus denen man die jeweiligen Szenen sieht. Einen großen Torbogen sehen wir beispielsweise aus einer Froschperspektive, wodurch dieser um einiges gewaltiger wirkt. Eine Krypta auf dem Friedhof sehen wir wie durch die Augen einer Fledermaus, die sich in einem weit entfernten Winkel an die Decke gehängt hat.
Die Szenen sind klasse ausgeleuchtet und werden<br>häufig zu unterschiedlichen Tageszeiten betreten.

Ausblick

Gänzlich überzeugt hat uns Alter Ego bislang noch nicht. Die Hintergründe und Wettereffekte gefallen uns sehr gut, die Charaktermodelle und -animationen hinken etwas hinterher, überraschen aber immer wieder mit schönen Spezialanimationen. Spielerisch ist sicherlich noch Luft nach oben, bislang läuft sehr viel über das Führen von Dialogen verbunden mit relativ viel Laufarbeit zwischen NPCs und Szenen.
Ob die Tschechen das ordentliche und überaus einsteigerfreundliche, bislang aber wenig vielfältige Rätseldesign mit inhaltlichen Stärken aufwiegen können oder sich zugleich auch in spielerischer Hinsicht noch steigern, darüber geben die ersten drei Kapitel nur bedingt Aufschluss. Der Trend zeigt aber leicht nach oben. Die gespielten Abschnitte führen die beiden Hauptfiguren und den ominösen Sir William in Form von Zeitungsberichten ansprechend ein und viele Details der beiden aufgezurrten Handlungsstränge sprechen dafür, dass es ab Kapitel 4 inhaltlich erst richtig losgeht. Immerhin war Timothy, der großes Potential als Anti-Held mitbringt, in der Nacht des Verbrechens ebenfalls auf dem Friedhof und dürfte schon bald auf der Verdächtigenliste von Inspektor Briscol landen.
Future Games tut gut daran, nur bestimmte Eigenschaften von Black Mirror zu übernehmen, nicht aber zu versuchen, das Gruselabenteuer zu kopieren. Noch wissen wir nicht, wie sich die Geschichte entwickelt und ob Alter Ego die inhaltliche und atmosphärische Qualität eines Black Mirror erreichen wird. Nach den ersten eigenen Spieleindrücken sind wir aber sehr zuversichtlich, dass das Spiel kein Reinfall wird wie Future Games' letztes Abenteuer. Wir hätten jedenfalls gerne über Kapitel 3 hinaus weitergespielt, um mehr zu erfahren. Ende März wissen wir mehr.

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Sieht gut aus