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Black Sails

Vorschau

von  Sebastian 'basti007' Grünwald
12.03.2010
Black Sails

In der Kürze liegt die Würze

Die Zeit der epischen Adventurespiele ist vorbei. Nach so umfangreichen Produktionen wie Haunted, Jack Keane oder Venetica legt nun auch Branchenveteran Deck13 ein Adventure aus dem Mittelpreissegment vor, denn bei den Publishern sitzt das Geld wohl auch nicht mehr so locker wie noch vor einigen Jahren. Die vergleichsweise kurze Entwicklungsdauer von bis dato 9 Monaten ist damit auch das erste, was uns Creative Director Jan Klose im Besprechungsraum der Frankfurter Entwicklerschmiede verrät.

Die Baseler Straße in der Frankfurter Innenstadt,
ein unscheinbares Bürogebäude beherbergt die Erfinder von Ankh und Jack Keane

Nein, es ist kein Landwirtschafts-Adventure!

Die Idee eines Geisterschiff-Abenteuers mit ernster Erzählweise und ernsten Charakteren, gleichzeitig wohl das wichtigste Unterscheidungskriterium zum großen Bruder Haunted, hatte das Team aber bereits zuvor. Publisher astragon, eigentlich auf Simulationen spezialisiert, wollte sein Genre-Portfolio ohnehin weiter ausdehnen und so kam eins zum anderen. Die obligatorische Frage nach der Spielzeit beantwortet das Team erstaunlich gelassen: Fünf Stunden reale Spielzeit verspricht uns Jan. Die sei auch nicht in irgendeiner Form aufgebläht, wer sich mehr Zeit mit den vielen optionalen Gegenständen und der Hintergrundgeschichte lasse, spiele auch entsprechend länger. Wir haben uns zwei Stunden Zeit genommen und den Anfang von Black Sails angetestet.

Schiff ohne Besatzung und doch so viel zu tun

Gleich zu Beginn merkt man: Gemeinsam mit der kürzeren Spieldauer wurde der Plot stark verdichtet, das Spiel wirft einen unmittelbar ins Geschehen. Nach einem Intro, das sich aus montierten, gezeichneten Grafiken zusammensetzt und die Vorgeschichte zweier Schiffbrüchiger erzählt, befindet man sich auch schon auf besagtem Geisterschiff. Da weit und breit nichts von einer Besatzung zu sehen ist, gilt es nun erst mal, den mysteriösen Zweimaster näher zu untersuchen. Nach und nach werden dabei verschlossene Türen geöffnet, Kartenstücke zusammengesetzt sowie alte Maschinen wieder in Gang gebracht und damit nach und nach mehr Räume freigespielt. Langatmige Passagen fallen dabei bei Black Sails tatsächlich flach. Es steht die Handlung im Vordergrund. Die Rätsel sind klassisch, die Laufwege kurz, die Multiple-Choice-Dialoge zwischen unseren beiden Protagonisten knackig und prägnant. Auch wurde zu fast allen Kombinationsmöglichkeiten eine Information getextet. Der Satz "Das funktioniert so nicht" wird demnach nur wirklich selten im Spiel zu hören sein. Eine hoher Unterhaltungsanspruch und ein möglichst guter Spielfluss haben bei Black Sails höhere Priorität als das Spielerlebnis künstlich in die Länge zu ziehen.

Rechts: Vollkommen richtig!
Links: Timm zeigt uns stolz das, was von 10tacle noch übrig blieb

Maroder Zweimaster mit Komfortfunktionen

Der Schwierigkeitsgrad der Rätsel liegt gefühlt etwa auf dem Niveau der vorherigen Deck13-Spiele. Nahezu alle Aktionen erscheinen logisch und die Spielwelt vergrößert sich erst nach und nach, was gleichzeitig auch den Einstieg erleichtert. Eine Hotspot-Hilfe und ein Aufgabenbuch sind integriert und unterstützen bei Bedarf zusätzlich. Auch zahlreiche Hinweise, zum Beispiel im Gespräch zwischen den Schiffbrüchigen oder beim Betrachten von Gegenständen, lenken den Spieler zusätzlich in die richtige Richtung. Für das Point'n'Click-System kommt lediglich die linke Maustaste zum Einsatz. Kann ein Gegenstand mehr als nur betrachtet werden, ändert der Cursor beim zweiten Mal seine Form und erlaubt eine neue Interaktion. Das Inventar befindet sich am oberen Bildschirmrand und ein Doppelklick lässt die Spielfigur schneller laufen. Etwas problematisch ist hin und wieder noch der Perspektivenwechsel, durch den wichtige Gegenstände oder Ausgänge manchmal nur in ganz bestimmten Positionen sichtbar werden.

Ich höre tote Menschen!

Ein entscheidender Faktor eines Gruseladventures ist bekanntlich die Atmosphäre und da schlägt sich Black Sails in dem von uns getesteten Spielabschnitt erstaunlich gut. Zwar sind einige 3D-Objekte für heutige Verhältnisse immer noch etwas kantig und hin und wieder fallen fehlende Schattenwürfe auf, dafür besticht das Schiff durch eine sehr stimmungsvolle Ausleuchtung und vielen liebevollen Details. Gleichzeitig muss aber klar sein, dass Black Sails nicht an die herausragende Präsentation der Schiffsequenz von Treasure Island herankommt. Die Hotspotdichte ist hoch, so dass das Untersuchen der verschiedenen Räumlichkeiten viel Spaß macht. Unterstützt wird das Flair durch zahlreiche kurze Zwischensequenzen, cleveren Perspektivwechseln und rasanten Kamerafahrten. Überraschende Schockeffekte sorgen für den nötigen Adrenalinspiegel. Besonders gelungen ist dabei das Sounddesign. Da knarzen Balken, saust der Wind und peitscht die Gischt - alles unterstützt durch stimmungsvolle, orchestrale Musik. Keine Frage: Black Sails ist wirklich ein ernster, ungemein spannender Gruselthriller, der auch Freunden von Spiele wie Dark Fall oder Scratches gefallen könnte. Und ähnlich wie in diesen Spielen wird der mysteriöse Plot durch eine Hintergrundgeschichte erzählt, die der Spieler in zahlreichen Tagebüchern, Zetteln und Briefen lesen kann, die auf dem ganzen Schiff versteckt sind. Wirklich verraten wollten uns Jan Klose und künstlerischer Leiter Timm Schwank zum Verbleib der Mannschaft nichts. Man habe ganz bewusst auch relativ wenig Details in den Pressemitteilungen veröffentlicht, damit die meisten Spieler unvoreingenommen das Rätsel des Geisterschiffs lösen können. Was wir anspielen konnten deutet bereits auf einige dunkle Vorkommnisse hin, in der u.a. misshandelte Kinder und ein verrückter Schiffsarzt eine tragende Rolle spielen. Ebenfalls verraten können wir, dass sich das Spiel nicht nur auf die beiden Protagonisten als Spielcharaktere beschränken wird.

Spekulationen 1: Ja, Haunted lebt! (links)
Spekulationen 2: Das Zimmer, das wir leider nicht zeigen dürfen (rechts)

Alles alternativ: Willkommen zurück auf dem Geisterschiff!

Viel mehr noch: Es sind trotz der verkürzten Spielzeit sogar mehrere Charaktere spielbar. Desweiteren sorgt auch ein gewisser Grad an Multi-Linearität für Abwechslung und einen erhöhten Wiederspielwert. So können nicht nur Rätsel auf unterschiedliche Art und Weise gelöst werden, auch das eigene Verhalten hat einen gewissen Einfluss auf kommende Entscheidungen. Tatsächlich sind die von uns gespielten interaktiven Dialoge durchaus interessant angelegt und laden ein, auch mal längere Zeit über die richtige Auswahl nachzudenken. Ebenfalls spekulieren können sollen die Spieler über das, was in der Hintergrundgeschichte von Black Sails wirklich passiert ist. Wer nur die wichtigen Rätsel löst, hat deswegen noch lange nicht zwangsläufig alle Details des Plots begriffen und möchte dann vielleicht nochmal in einem weiteren Durchgang die übersehenen Storybestandteile zusammentragen. Zu guter letzt hat uns Deck13 als weitere Motivation für das erneute Durchspielen auch noch alternative Endsequenzen versprochen.

Mit scharfem Blick, nach Kennerweise, seh' ich zunächst mal nach dem Preise

Keine Frage: Black Sails ist kein Haunted und kein Jack Keane. Deck13 hat für den astragon-Titel sichtbar zurückskaliert. Dass ein großes Budget aber noch lange kein Muss für ein gutes Adventure ist, haben schon so Titel wie Scratches bewiesen. Auf Story- und Präsentationsseite zieht Black Sails schnell in seinen Bann und die hohe Handlungsdichte dürfte dafür sorgen, dass die Spielmotivation über die Spielzeit nicht sinkt. Bei unseren zwei Spielstunden haben wir uns blendend unterhalten gefühlt. Am Ende hatten wir laut Jan und Timm rund ein Drittel des Spiels gesehen. Die Spielzeitangabe von fünf Stunden erscheint uns daher fair und realistisch. Wer die verschiedenen Texte, die übrigens alle per Sprachausgabe vorgelesen werden, auch genau studiert, sollte sogar noch ein wenig länger auf dem Geisterschiff verharren können. Handlungsfetischisten sind dagegen vermutlich schneller mit dem Mysterium fertig. Die kurze Spielzeit dürfte demnach auch die einzige Krux an Deck13 neuem Titel sein. Die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 30 Euro, was als Preis/Leistungsverhältnis doch relativ hoch erscheint. Deck13 vergleicht den Stundenanteil eines Adventures immer gerne mit Kinokarten. Für einen spannenden 90-Minuten-Film muss man an der Kasse natürlich auch löhnen. Bei Black Sails wären das dann aber bei drei Filmen immer noch 10 Euro pro Karte - dafür kriegt man heute eigentlich schon Tickets für noch aufwendigere 3D-Filme. Wer auf klassische Gruseladventures oder Geisterschiffe steht oder ganz generell eine kurze Spielzeit mit hohem Handlungsgrad bevorzugt, kann sich den Titel durchaus vormerken. Wer dagegen auf eine lange Spieldauer wert liegt, sollte unseren Wertungsdaumen lieber noch ein klein wenig drehen. Vielleicht lässt sich astragon bis zum Release im April ja auch noch eine Preissenkung durch den Kopf gehen, dann kann man Black Sails am Ende vielleicht sogar uneingeschränkt empfehlen.
Avantgarde-Adventure: Timm übt schon mal den David-Lynch-Blick,<br>Jan hypnotisiert mit einer Fratze des Schreckens

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Sieht gut aus