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Lost Horizon (Vorschau 3)

Vorschau

von  Benjamin "Grappa11" Braun
10.07.2010
Lost Horizon (Vorschau 3)
606]Die größte Spielemesse Deutschlands, ob sie nun Games Convention oder gamescom heißt, steht auch im Fokus vieler Adventure-Spieler. Nicht zuletzt deshalb, weil es seit dem Release von Geheimakte Tunguska vor ziemlich genau vier Jahren fast schon zur Gewohntheit geworden ist, dass Entwickler Animation Arts alle zwei Jahre zeitnah zur Messe ihr neuestes Werk letztmals der Öffentlichkeit präsentiert. Nicht viel anders liegt die Sache bei Lost Horizon, das im August auf den Markt kommen soll. Wir haben nochmals eine Vorschauversion spielen können, die die beiden ersten der insgesamt sieben Kapitel samt überarbeiteten Charaktermodellen enthält. Ob wir die letzten Wochen in Vorfreude schwelgen oder doch lieber die Erwartungen herunterschrauben sollten, haben wir uns für Euch angesehen.

Das Beste von Harrison Ford

Von der Story und den beiden Hauptcharakteren, Fenton Paddock und Kim Wuang, sind die wichtigsten Dinge bereits bekannt. Deshalb möchten wir uns an dieser Stelle möglich knapp fassen: Fenton ist ein ehemaliger Soldat der britischen Armee, der nach einem dramatischen Zwischenfall in Hongkong als Bauernopfer unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde und dennoch in der Kronkolonie der Briten geblieben ist. Richard, einer seiner ehemaligen Kameraden, ist in Tibet verschollen und Fenton soll nun dorthin aufbrechen, um ihn zu retten. Doch es steckt weit mehr hinter seinem Verschwinden als man zunächst glauben könnte. Offenbar sind die britischen Soldaten auf Hinweise auf den Zugang zum sagenumwobenen Königreich Shambala gestoßen, an dem ganz besonders die Nazis und Expeditionsleiterin Hanna von Hagenhild interessiert sind. Gemeinsam mit der Chinesin Kim bricht Fenton auf, um seinen Freund zu retten, der allem Anschein nach die Pforte zum mythischen Reich bereits überschritten hat...
Rasant inszenierte Action gibt es nicht nur in den Zwischensequenzen,<br>sondern auch innerhalb von Spielszenen.

Ein Abenteuer in High-Resolution

Die ersten Spielszenen in Hongkong und Tibet sind vor allem von ausführlichen Dialogen, häufigen Szenenwechseln und zahlreichen Zwischensequenzen geprägt, die teilweise aus Rendervideos, überwiegend aber aus Selbstlaufsequenzen in Spielgrafik bestehen und häufig fließend innereinander übergehen. Dabei fällt der regelmäßige Einsatz von Zoomeffekten, Close-Up-Ansichten der Spielfiguren, Perspektivwechseln und ähnlichen filmischen Kniffen ins Auge. Übertrieben schnelle Schnitte oder ausufernden Einsatz der optischen Möglichkeiten der Engine muss man nicht befürchten, darf aber eine in sämtlichen Belangen optisch noch ansprechendere Ausarbeitung erwarten, als im letzten Titel von Animation Arts - Geheimakte 2.
Die gezeichneten Hintergründe können meist mit ihrer Detailverliebtheit überzeugen. Mit hübschen Wetter- und sonstigen Partikeleffekten sowie großflächigen Himmel- oder Wasseranimationen sorgt man auch außerhalb von Cutscenes für genügend Bewegung im Bild. Das meist butterweiche Parallax-Scrolling sorgt in einigen Szenen zudem, gerade in den zerklüfteten Bergen Tibets im zweiten Kapitel, für eine angenehme Tiefenwirkung.
Die gezeichneten Hintergründe hinterlassen einen sehr guten Eindruck<br>und präsentieren sich häufig mit schönen Wettereffekten.Kleinere Schwächen hat auch das neueste Abenteuer des kleinen Entwicklerstudios aus Halle bei den Charakter-Animationen, die nur im nationalen Vergleich zum Besten gehören, was das Genre zu bieten hat. Schade ist, dass man sich gerade im Bereich der Gestik und Mimik eher dezent im Vergleich zum 'Vorgänger' weiterentwickelt hat, was besonders in den zahlreichen Nahansichten auffällt. Dafür hat man sich im Bereich der Spezialanimationen, etwa wenn Fenton ein selbstgebautes Flugabwehrgeschoss aus dem Flugzeug wirft, mit deutlich mehr Liebe zum Detail zu Werke gemacht als in den Geheimakte-Spielen. So darf es gerne weitergehen.
Äußerst positiv muss man außerdem feststellen, dass sich das optische Upgrade der Charaktere (Vergleichsvideo) gelohnt hat, die mit höherauflösenden Texturen versehen wurden und sich teilweise auch darüber hinaus deutlich verändert haben. Der höhere Detailgrad sorgt dafür, dass sich die Spielfiguren deutlich sauberer in die Umgebungen einfügen und nicht mehr so sehr wie verwaschene Fremdkörper wirken. Andere Entwickler haben sich da in der Vergangenheit schon als deutlich kritikresistenter erwiesen.
Die Verfolger hängen uns stets im Genick.

Klassisches Gameplay auf der Höhe der Zeit

Spielerisch hat man sich nach dem teilweise etwas vergeigten Geheimakte 2 wieder eher an Tunguska orientiert. Am Spielsystem selbst hat man nur Kleinigkeiten verändert. Die textuelle Journalfunktion mit Spielhilfen hat man mit einem gesprochenen Journal ersetzt, mit dessen Hilfe man zum einen nach einer Spielpause wieder besser ins Geschehen zurückfinden soll und das zum anderen ein paar kleine Tipps bereithält. Solche findet man vermehrt auch in den Dialogen und Kommentaren der Spielfigur, die hin und wieder etwas zu ausführlich geraten sind.
Ein bockschweres Abenteuer ist nicht zu erwarten, sofern das Spiel nicht später enorm im Schwierigkeitsgrad anziehen sollte, aber schon das erste Kapitel ist nicht bloß von schnellen Erfolgen geprägt, sondern hat durchaus auch einige Rätsel zu bieten, die diesen Namen auch verdienen. Das gilt nicht zuletzt für die Rätsel mit Minispielcharakter, bei denen wir häufiger Puzzleaufgaben bewältigen müssen. Mal ist es eine zerbrochene Schallplatte, die wieder zusammengesetzt werden muss, an anderer Stelle sind mehrere Kabelstränge korrekt miteinander zu verbinden. Bei letzterem Minispiel darf man übrigens bei Bedarf eine leichtere Variante wählen, die wesentlich einfacher zu lösen ist. Den Kniefall vor den Casual Games mittels Cheatbutton vermeidet man so geschickt und kann bei diesen Gelegenheiten rätselfreudigeren Spielern immer wieder eine kleine Herausforderung anbieten.
Massive Aussetzer im Rätseldesign wie in Geheimakte 2 sind uns bislang keine begegnet, doch aber ein paar Rätsel und mitunter längere Rätselketten, die überkonstruiert wirken und nur innerhalb der gestellten Situation Sinn ergeben. Britische Soldaten quält man am besten<br>mit deutscher Marschmusik.Relativ am Anfang sucht Fenton beispielsweise einen väterlichen Freund, der im Besitz einiger wichtiger Utensilien sein soll. Damit sich ein älterer Herr in einer Bar an ihn und dessen Wohnort erinnert, müssen wir ihm ein Foto zeigen, da er sich Namen einfach nicht merken kann. So weit, so gut. In unserer Unterkunft an einem Flugplatz gibt es zwar ein Bild, doch dieses befindet sich in unserem Safe, dessen Kombination wir nicht auswendig wissen. Die korrekte Zahlenfolge hat Fenton auf einem Zettel notiert, der in seinem Portemonnaie steckt. Das hat er dummerweise kurz vorher im Hafenbecken verloren, in das ihn ein paar Triaden befördert hatten. Also zurück zum Hafen. Dort sitzt ein kleiner Junge, der das Ding aus dem Wasser gefischt hat und es uns nur geben will, wenn wir ihm dabei helfen, eine Fledermaus zu fangen. Einfach wegnehmen will Fenton ihm die Geldbörse nicht. Und auf einen Handel mit einem unserer Besitztümer lässt er sich ebenfalls nicht ein. Wie fängt man also eine Fledermaus? Ihm ein paar Insekten zu besorgen würde wohl etwas bringen. Am Seiteneingang der Bar haben wir bereits ein paar Fliegen entdeckt, die um eine Lampe herumschwirren. Was läge da näher, als die Fliegen mithilfe eines Blasebalgs einzusaugen und sie dann später zielgenau in die 'Umlaufbahn' des Leuchters des Jungen zu entlassen? Dass wir vorher noch auf etwas seltsamen Umwegen einen Ball aus einer Baumkrone herausholen und diesen an einer Kordel aufhängen müssen, um damit eine Katze zu beschäftigen, die wir nur auf diese Weise loswerden können, um überhaupt an die Fliegen heranzukommen, vertiefen wir mal nicht weiter. Ob die Kombination tatsächlich 1, 2, 3, 4, 5 lautet, wie auf dem Zettel Fentons zu lesen ist, erfährt man nicht. Aber den Spieler nach dem Zeitschinden auch noch zu verhöhnen, macht nur bedingt Spaß. Von sowas dann später bitte weniger.
Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Rätseldesign bislang den besten Eindruck aller Animation-Arts-Spiele hinterlässt. Denn die meisten Rätsel sind schön ins Geschehen integriert und entlohnen den Spieler meist angemessen, nicht selten auch weit über Gebühr mit einer schönen Cutscene oder auch mal in Form einer rasant inszenierten Spielszene. Besonders gespannt sind wir auf weitere kooperative Rätsel mit Fenton und Kim und auf das eine oder andere originelle Minispiel.
Nicht nur in solchen Szenen muss<br>man an bestimmte Abenteuer-Filme denken.

Ausblick

Inhaltlich ist der Titel weiterhin schwer einzuschätzen. Das Heldenduo hat zweifellos Potenzial und zumindest Fenton offenbart schon früh eine glaubwürdige Biographie, wenngleich sein Charakter nicht unbedingt einzigartig ist. Kim erfüllt bisher vor allem ihren Zweck. Sie ist eine niedliche, ziemliche zickige, zerbrechlich wirkende, aber letztlich bestimmt recht toughe Frau, von der die Spieler wahrscheinlich genauso wenig wissen werden wie Fenton, ob man sie lieber küssen oder knebeln möchte. Wir sind uns aber jetzt schon sicher, dass der Knebel nicht gebraucht wird. Fenton hat so manches von Indy und Han Solo und redet vielleicht ein bisschen viel. Aufgrund seiner gut erkennbaren Rollenvorbilder könnte er schnell langweilig werden, aber genauso gut könnte er daraus später großen Kredit schlagen. Dasselbe gilt für den Mythos von Shambala und die in Lost Horizon bislang etwas blassen Nazis, die nicht erst seit Uncharted 2 und den ersten drei Indy-Filmen thematisch interessant sind und unzählige Möglichkeiten bieten. Die Schauplatzauswahl mit Hongkong, Tibet, Marokko und Berlin verspricht zudem nicht nur optisch, sondern auch atmosphärisch viel Abwechslung.
Das Erzähltempo ist zwischenzeitlich sehr hoch, stockt hin und wieder aber noch unnötig. Wenn der Inhalt stimmt und das Spiel eine gute Balance zwischen spannungs- und actiongeladen inszenierter Story und inhaltlich relevantem Gameplay findet, dann erwartet uns ein Adventure-Hit, der noch dazu gut aussieht und auch gut klingt. Mit einer neuen Referenz ist allerdings nicht zu rechnen. Lässt man Episoden-Adventures außen vor, so kann man eines jedoch schon beinahe mit Gewissheit sagen: Lost Horizon wird das erste echte Point-and-Click-Highlight 2010.

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Sieht gut aus