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In Memoriam

Test

von  Jan "DasJan" Schneider
06.11.2003
In Memoriam
Getestet auf Windows, Sprache Deutsch

Wenn man ein Spiel entwickelt, dann ist eine der zentralen Fragen: Wodurch wird sich unser Spiel von der Konkurrenz abheben? Beantwortet wird die Frage von jedem unterschiedlich. Die einen machen ein besonders langes Spiel, andere ein besonders witziges und wieder andere ein besonders gruseliges. Nicht so In Memoriam, dass sich einfach ein völlig neues Genre schafft und sich somit an keiner wirklichen Konkurrenz messen lassen muss. Wir haben den Titel von Lexis Numérique genauer unter die Lupe genommen und erörtern, für wen sich In Memoriam lohnt.

Worum geht’s?

In Memoriam ist anders. Es erzählt einem nicht eine Geschichte wie andere Adventures, sondern macht den Spieler unmittelbar zum Teil des Geschehens. Der Journalist Jack Lorski, der für die imaginäre Agentur SKL Network (www.skl-network.com) arbeitet, ist während seiner Recherchen irgendwo in Europa spurlos verschwunden. Zusammen mit seiner Bekannten Karen Gijman wurde er von einem geheimnisvollen Serienkiller, der sich „Phoenix“ nennt, entführt. Ebendieser ist es auch, der eine mysteriöse CD-ROM zusammenstellt und SKL Network mit der Bitte zuschickt, diese zu verbreiten. SKL kommt der Bitte nach und lässt sie von Ubi Soft vervielfältigen und vertreiben. In Memoriam ist nichts anderes, als genau diese CD.

Der Datenträger enthält eine Reihe von Spielen und Rätseln, die nach und nach Hinweise auf Aufenthaltsort und Motiv des Täters geben. Dazwischen hat der Phoenix Schnipsel aus dem Videotagebuch von Jack Lorski geschnitten, der zusammen mit Karen auf die Spur des Mörders gekommen war. So erlebt man Stück für Stück die Reise der beiden nach, die dem Phoenix durch ganz Europa gefolgt sind und verfolgt diese mit dem Ziel, ihn irgendwann selbst zu finden.

Mittendrin statt nur dabei

Einzigartig an In Memoriam ist die Einbeziehung des Internets in das Gameplay: Zu vielen Rätseln im Spiel findet sich die Lösung nur im Internet, insbesondere auf eigens dafür entwickelten Seiten, die aussehen, wie beispielsweise die Homepage eines Buchladens oder eines Instituts. Tatsächlich gehören sie aber zum Spiel und enthalten die gesuchten Information, die zum vorankommen benötigt werden. Mit dem richtigen Suchbegriff können diese Seiten über eine beliebige Suchmaschine gefunden werden. Außerdem erhält man während des Spielens eine große Menge E-Mails von SKL Network, imaginären Freunden, die ebenfalls den Fall zu lösen versuchen und anderen hilfreichen Zeitgenossen. Wird ein Rätsel eine längere Zeit nicht gelöst, flattern sogar schon mal Lösungen ins Postfach.

Das eigentliche Spiel besteht aus einer großen Zahl an einzelnen „Levels“ und in jedem sind ein paar Aufgaben zu erledigen. Das kann ein kleines Geschicklichkeitsspiel sein (hier ist alles vorhanden von „Bewege etwas durch einen Parcours ohne anzuecken“ über eine abstrakte Minigolf-Variante bis hin zu einem Pacman-Klon), das kann ein Rätsel sein oder das kann eine Aufgabe sein, die nur mit Hilfe mehr oder weniger intensiver Internet-Recherchen zu erfüllen ist. Gerade in dieser Vielseitigkeit liegt die Stärke des Spiels. Dabei wird praktisch nie ein klare Aufgabe gestellt, statt dessen muss der Spieler immer wieder aufs Neue herausfinden, was überhaupt zu tun ist, was der Phoenix von einem will. Alteingesessene Adventure-Fans werden natürlich die gelegentlichen Geschicklichkeitsspiele bemängeln, aber ohne die würde die Vielseitigkeit von In Memoriam schwer leiden, die für das Spiel so wichtig ist. Außerdem sind die Spielchen alle so leicht, dass man für keines mehr als 10 Minuten benötigen dürfte.

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Atmosphärisch setzt das Spiel neue Maßstäbe. Zum einen liegt das an der direkten Einbeziehung des Spielers in die Story, die in dieser Form einzigartig ist. Die E-Mails, die man von „Freunden“ erhält, wirken allesamt echt und nicht gestellt, das gleiche gilt für die unglaublich authentischen Videoschnipsel aus Jack Lorskis Videotagebuch, die professionell an Originalschauplätzen gefilmt wurden und einen durch Handkamera und gute Schauspieler gelegentlich vergessen lassen, dass alles nur Fiktion ist. Nur den Homepages merkt man es mit ein wenig Übung an, ob sie zum Spiel gehören oder nicht. Bis hin zum Handbuch („Wir haben herausgefunden, dass zur Ausführung der CD-ROM Quicktime 6.0 und Shockwave Player 9.0 erforderlich sind“) ist alles auf Authentizität getrimmt – und das ist absolut gelungen.

Einen weiteren Beitrag zur Atmosphäre leistet die Grafik. Das ganze Spiel besteht aus seltsam verstörenden Collagen, die fast metaphorisch den Weg des Spielers begleiten. Ein fast völlig mit Sand bedeckter Brief, seltsame Symbole und verrauschte Hintergründe, in die unzählige Elemente eingebracht sind, von denen aber keines so recht herausstechen will, das verschwommene Bild eines verlassenen Hauses, eine Rasierklinge, rostiges Metall. Immer wieder neue Motive, die dem kranken Gehirn eines wahnsinnigen Mörders zu entspringen scheinen, farblich perfekt durchgestylt. Vieles von dem, was man sieht, ist interaktiv, so bekommt man nicht das Gefühl, einer Diashow beizuwohnen, sondern glaubt, das diabolische Spiel des Phoenix zu spielen.

Auch der Sound trägt Wesentliches zur Stimmung bei. Keine Dudelmusik ertönt im Hintergrund, sondern ein krächzendes Blubbern, unverständliche Flüstergeräusche, bedrückendes Pochen. Man meint, der Phoenix hätte das Leiden seiner Opfer und Geiseln unmittelbar mit dem Mikrofon eingefangen und seine CD damit hinterlegt. Auch bei den Internet-Recherchen wird man – sofern das Spiel im Hintergrund noch läuft – ständig durch diese Berieselung daran erinnert, dass man sich auf der Suche nach einem Wahnsinnigen befindet. Und sollte es einen doch nerven, steht es jedem frei, die Lautsprecher auszuschalten.

Mit dem zweiten sieht man besser

Leider ist nicht alles Gold, was glänzt. Und so leidet die geniale Idee von In Memoriam an einigen technischen und konzeptionellen Schwächen, die nicht verschwiegen werden dürfen. So hat die Umsetzung zwar optisch und akustisch enorm viel Stil, doch ist sie technisch nicht fehlerfrei. Da werden richtig eingegebene Lösungen erst als korrekt akzeptiert, wenn man das Spiel neu gestartet hat, Scriptfehler bringen das Spiel zum Abstürzen und Multitasking verträgt In Memoriam auch nicht immer. Letzteres wird zwar dadurch erleichtert, dass das Spiel die Bildschirmauflösung nicht umschaltet, dafür wird bei höheren Auflösungen nur ein kleiner Teil des Bildschirms genutzt.

Noch gravierender kann ein Problem werden, das aus dem Fehlen einer Speicherfunktion resultiert. Der Spieler muss sich bei „SKL Network“ anmelden und erhält ein Passwort, das ihn eindeutig identifiziert. Der Spielfortschritt wird automatisch gespeichert und das Spiel wird da fortgesetzt, wo man zuletzt aufgehört hat. Wird jedoch der automatische Spielstand beschädigt oder gelöscht, was bei einigen Spielern vorgekommen ist, muss alles wieder von vorne begonnen werden. Die Lösungswörter sind zwar bekannt, doch ist der Frustmoment bei den Geschicklichkeitsspielen umso höher.

Für Leute, die mit einem Analoganschluss ins Internet gehen, kann In Memoriam ein teures Vergnügen werden. Zehn Online-Stunden sollte man schon einplanen, wenn man alle Lösungen recherchieren möchte. Richtiges Spielvergnügen kommt wohl erst mit einer DSL Flatrate auf. Man muss auch befürchten, dass schon in 2-3 Jahren In Memoriam nicht mehr voll spielbar sein kann. Wenn Lexis Numérique die Server nicht mehr bezahlt, auf denen die Homepages zum Spiel liegen und von denen die E-Mails verschickt werden, spätestens dann ist man auf eine Lösung angewiesen.

Auch bei der Lokalisation hätte man sich noch mehr Mühe geben können. Ab und zu blitzen Rechtschreibfehler auf und einige wenige Homepages des Spiels wurden gar nicht erst übersetzt – stattdessen wird man auf Tools wie Babelfish verwiesen. Sicher ist es auch nicht einfach, ein solches Spiel zu übersetzen: Wer bietet seine private Homepage schon fünfsprachig an und wie übersetzt man ein Videotagebuch, ohne an Authentizität zu verlieren?

Sekt oder Selters?

Ist In Memoriam ein Adventure? Schwer zu sagen. Ist In Memoriam gut? Ja. Die Story ist perfekt inszeniert, die CD des Mörders platzt vor Stil, alles ist so authentisch umgesetzt, dass man vergisst, nur ein Spiel zu spielen und atmosphärisch ist In Memoriam durch Grafik, Sound und die geniale Einbeziehung des Spielers so dicht wie kaum ein zweites Spiel. Es ist wirklich schade, dass durch viele kleine Ärgernisse wie Bugs und die fehlende Speicherfunktion nicht das volle Potenzial ausgenutzt wurde. Außerdem wünscht man sich - wie wohl bei allen guten Spielen – eine etwas längere Spielzeit. Und vielleicht wäre es auch eine gute Entscheidung gewesen, den Schwerpunkt etwas mehr von den Geschicklichkeitsspielen weg hin zu Denk- und Rechercheaufgaben zu verlagern, das muss aber wohl jeder Spieler individuell entscheiden.

Alles in allem ist In Memoriam eine hochinteressante Mischung aus „Sieben“, „Blair Witch Project“ und Pacman, die großteils gelungen und hoffentlich nicht das letzte Spiel seiner Art ist. Wer „anders“ mag, liegt bei In Memoriam richtig.

Kommentare des Verfassers

detail

Für mich war In Memoriam eine mehr als willkommene Abwechslung. Von den schwersten Bugs bin ich verschont geblieben und sogar die Geschicklichkeitsspiele haben mir Spaß gemacht. Ich habe mich auf jeden neuen Bildschirm gefreut und mich gefragt, was da wieder zu erledigen sein wird.

 

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

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Pro
Contra
  • Klasse Atmosphäre
  • Wirkt extrem echt
  • Schicke Grafik
  • Bugs
  • Keine wirklich komplexen Rätsel
  • Teuer ohne Flatrate