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A Normal Lost Phone

Test

von  Tobias Schmitt
15.02.2017
A Normal Lost Phone
Getestet auf Windows, Sprache Deutsch

Dem kommerziellen Debüt des unabhängigen Entwicklers Accidental Queens war schon im Vorfeld große Aufmerksamkeit vergönnt. Ein früher Prototyp von A Normal Lost Phone wurde als Beitrag zum Global Game Jam 2016 eingereicht und brachte bereits viele Nominierungen bei Wettbewerben sowie eine Auszeichnung als „Best Indie Game“ mit sich. Somit ist es kaum verwunderlich, dass die im Nachhinein über Ulule initiierte Finanzierungsaktion dem Projekt zum gewünschten Erfolg verhalf. Im Januar erschien nun die Vollversion, welche mit zusätzlichen Puzzles und Inhalten, einem ambitionierten Soundtrack und neuen Lokalisationen aufwartet. Auch deutsche Bildschirmtexte wurden integriert. Laut eigener Aussage ließen sich die Produzenten von populären Titeln wie Her Story, Life is Strange und Gone Home inspirieren. Ob diese Einflüsse ein positives Gesamtergebnis bewirkt haben, berichten wir euch in unserem Test.

Momentan kratzen wir noch an der (Handy-)Oberfläche.

Sam, ein Jugendlicher mit gewöhnlichen Problemen?

Die Ausgangslage ist ebenso simpel wie faszinierend: So stößt der Spieler bei einem abendlichen Spaziergang auf ein herrenloses Mobiltelefon, dessen Speicherzelle noch nicht erschöpft ist. Und da eine gesunde Neugierde in der Natur des Menschen begründet liegt, kann sich dieser dem Reiz der darin verborgenen Informationen nicht widersetzen. Rasch stellt sich heraus, dass es sich bei dem Besitzer des gefundenen Smartphones um einen achtzehnjährigen Jungen namens Sam handelt. Diese Erkenntnis bildet aber lediglich den Einstieg in eine tiefgreifende Geschichte, die sich anhand von Chatnachrichten, E-Mails und Internetverläufen allmählich aufschlüsseln lässt. Bald erfährt man, dass Sam von liebenden Eltern umsorgt wird und darüber hinaus scheinbar ganz gewöhnliche Kontakte zu Mitschülern und Freunden sowie Bekannten aus verschiedenen Interessenskreisen pflegt. Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck einer halbwegs glücklichen Jugend, die jener Protagonist in der heimeligen Vorstadt Melren genießt. Zwischen den Zeilen kommt jedoch eine andere, ungewisse Seite von Sam zum Vorschein. Einige seiner Handlungen vermag der Spieler nicht zu begreifen: Warum etwa trennt sich Sam derart unvermittelt von seiner bezaubernden Partnerin Melissa? Und womit lässt sich diese kryptische Drohung einer Mitstreiterin aus dem Brettspiele-Treff erklären? Über all dem steht allerdings eine besonders wesentliche Frage im Raum: Wer IST eigentlich dieser Junge mit den zahlreichen Geheimnissen – oder wer glaubt er zu sein?

Das Nachrichten-Verzeichnis wird den Spieler eine Weile beschäftigen.


Spannende Recherche zwischen E-Mails, Apps und Chatverläufen

Seine voyeuristische Ader darf der Spieler also fortan befriedigen, indem er, quasi aus der Egoperspektive, Nachrichtenverläufe sowie Bildergalerien durchforstet. Sobald eine Verbindung zum regionalen WLAN hergestellt wurde, kann beispielsweise jeglicher E-Mail-Schriftverkehr eingesehen werden. Somit kann man sich bequem durch eine Vielzahl an Mitteilungen scrollen und diverse Applikationen einsehen, die einem womöglich weitere Antworten bescheren – so etwa Sams persönliches Profil auf Lovbirds, einer Plattform zur Online-Partnervermittlung. Solche Anwendungen sind jedoch mit einem Passwortschutz versehen, der dem Spieler zusätzliche Recherchekünste abverlangt. Einerseits handelt es sich dabei um ein recht einseitiges Rätseldesign, das in seiner Ausführung andererseits kaum Kreativität vermissen lässt. So müssen verschiedene Hinweise miteinander kombiniert werden, um sich der Lösung anzunähern. Hierbei ist es vor allem die Aufmerksamkeit, welche sich auszahlt, wenn man Nachrichten durchstöbert, Momentaufnahmen inspiziert oder einen Blick auf den Kalender wirft. Bemerkenswert ist aber in erster Linie die Faszination, die beim Lesen der privaten Korrespondenz entfacht wird: Obgleich die Figuren nur in Schriftform existieren und bloß selten auch auf Fotografien auftauchen, wurden sie äußerst glaubwürdig skizziert und zeugen von Originalität - übertriebene Klischees werden gekonnt vermieden. Trotz der fesselnden Inszenierung kann die Lektüre der Bildschirmtexte mitunter an der Konzentration zehren, was in Anbetracht der geringen Spielzeit von zwei bis drei Stunden allerdings gut zu verkraften ist.

So sieht wahre Liebe aus… oder doch nicht?

Ein Soundtrack, der zum Träumen einlädt

Der Grafik ist im Grunde eher wenig Bedeutung beizumessen, da sie vielmehr als hintergründiges Merkmal fungiert – sei es zur Gestaltung der Smartphone-Oberfläche oder zur Visualisierung der Fotografien. Es scheint, als würde jener naive, farbenfrohe Zeichenstil einerseits Sams jugendliche Unbeschwertheit und andererseits seine Zerrissenheit demonstrieren. Um diese Stimmung noch spürbarer zu machen, wurde zudem ein unfassbar großartiger Soundtrack arrangiert, der mit melancholischen Musikstücken begabter Sänger aus der Indie-Folk- und Ambient-Music-Szene brilliert. Damit wandelt A Normal Lost Phone auch akustisch auf den Spuren von Max und Chloe aus Life is Strange. Besagte Tracks können im internen MP3-Player nach Belieben gesteuert und angewählt sowie auf Wunsch unterbrochen werden, falls man das Spiel lieber stumm genießen möchte.

Dieses Foto wurde wohl an Sams achtzehntem Geburtstag aufgenommen.

Fazit: Berührend und einfühlsam erzählt

Als narratives Spielerlebnis weist A Normal Lost Phone keine nennenswerten Schwächen auf. Es wirkt in allen Belangen authentisch und zeichnet sich durch eine ebenso ungeschönte wie einfühlsame Erzählweise aus, die in einer mitreißenden Auflösung endet. So präsentiert Accidental Queens mit seinem Erstlingswerk eine traurige und doch so hoffnungsvolle Geschichte über sexuelle Identität, die mit einem keineswegs zu unterschwelligen Appell an die Toleranz gegenüber betroffenen Personen einhergeht – und letzteren zugleich Mut zuspricht, entgegen gesellschaftlicher Sitten ihrem Herzen zu folgen und sich eventuell Unterstützung zu suchen.

Galerie

Kommentare des Verfassers

detail

A Normal Lost Phone hat mich tatsächlich auf ähnliche Weise vereinnahmt, wie es die fünf Episoden von Life Is Strange geschafft haben. Und dazu waren nicht einmal handelnde Charaktere erforderlich. Den Entwicklern gelang es eindrucksvoll, Nachrichten, Fotografien, Internetberichte etc. zum Leben zu erwecken, sodass ich mich der Magie dieser kleinen, aber überwältigenden Geschichte nicht entziehen konnte. Bringen wir es auf den Punkt: Dieses Spiel hat mich tief berührt.

 

Redaktions-Wertung

Grafik
Musik
Steuerung
Atmosphäre
Rätsel

Gesamt

Leser- Wertung

0 ( 0 )
Pro
Contra
  • schöne Geschichte, authentisch erzählt
  • ergreifender Aufruf zu Toleranz und Akzeptanz
  • gelungenes Textdesign
  • gut ausgearbeitete Charaktere
  • atmosphärischer Soundtrack
  • kreative Recherche-Rätsel...
  • ... die insgesamt etwas einseitig bleiben